„Wir galoppieren oft weiter und weiter, ohne zu wissen, wohin“

Wie kommen wir aus der Krise der Politik, der Wirtschaft, der Vereinsamung und des Narzissmus in der Gesellschaft heraus? Oliver Tanzer, der Leiter des Wirtschaftsressorts der FURCHE, beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Animal Spirits“ damit. Und er zieht dabei tierische Helfer zu Rate: „Wie uns Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen“, so der Untertitel des Buches, das soeben im Molden-Verlag erschienen ist. Wer sind also die rationaleren, die Menschen oder die Tiere? Ein Interview.

 

Wie sind Sie denn auf die „Animal Spirits“ gekommen?
Oliver Tanzer: Der Begriff kommt aus der Ökonomie, er steht für Instinkte und spontane Lebensgeister und die irrationalen Elemente im Wirtschaftsgeschehen. Ich meine, im Lichte der Verhaltensforschung und der Biologie müsste man den Begriff rechtigstellen. Die Menschen sind oft viel irrationaler als die Tiere. Insofern müsste es Human Spirits heißen, wenn es um Gier und Panik geht. Die Tiere und Pflanzen sind uns in ihren Strategien des Zusammenlebens, des Wachstums und der Krisenbewältigung jedenfalls überlegen.

Wie entstand die Idee dazu?
Tanzer: Ich bin vor vier Jahren aufs Land gezogen, habe begonnen, den Garten zu bestellen, also zu Pflanzen zu jäten und mir den Rücken krumm zu arbeiten. Dadurch hatte ich die Chance, das Leben und seine Entwicklung genau verfolgen zu können, etwa, wie aus einem Sonnenblumenkern eine Sonnenblume entsteht. Und mein Interesse an den Mechanismen der Natur wurde seither größer und größer. Vor allem, weil sich plötzlich Parallelen und Brücken zu meinem Beruf als Wirtschaftsautor ergaben. Etwa: Wachstum ist etwas vollkommen Natürliches – auch das verpönte exponentielle Wachstum. Eine hundertjährige Buche wächst bis zu ihrem Ausgewachsensein um das durchschnittlich 5.600-Fache pro Jahr. Da würde jeder Börsenmakler vor Neid erblassen.

Aber Buchen haben keine Wachstumskrisen, wir aber schon? Grundsätzlich wäre ja auch der Mensch ein natürliches Wesen.
Tanzer: Weil wir gerade in den vergangenen Jahrzehnten ein falsches Wachstum pflegen. Ein Baum wächst nie nur eindimensional in die Höhe, sondern auch in die Breite und in die Tiefe. Kein Teil des Baumes wird vergessen und er schaltet immer wieder Ruhepausen ein. Wenn man das mit der  Wirtschaft vergleicht, sieht man: Dort wuchsen die Kapitalberge in der Finanzwirtschaft, aber den Stamm und die Wurzeln der Wirtschaft, die Realwirtschaft hat man unversorgt gelassen. Und deshalb passiert der Wirtschaft genau das, was einem Baum passieren würde, der etwa nur in der Baumkrone wächst und da viel zu schwer wird. Beim nächsten kräftigen Wind bricht sie ab.

Aber warum toleriert das die Gesellschaft? Stehen uns unsere Emotionen im Weg?
Tanzer: Nicht alle. Emotionen sind grundsätzlich lebenswichtig, weil sie unsere Seele regulieren. Mein Hauptkritikpunkt ist aber, dass das System, indem es ein sehr einseitiges Vermögenswachstum und Gewinnmache - koste es, was es wolle - belohnt, Narzissmus oder zumindest narzisstische Tendenzen fördert. Narzissmus heißt aber nicht nur Selbstsucht, sondern auch Vereinsamung. Wir erleben das in der Arbeitswelt, im Konsum, in den sozialen Netzwerken im Internet, selbst in den Beziehungen. Statt dem Glück, das uns versprochen wird, bekommen wir Isolation und ein Gefühl innerer Leere. Von Bonobo-Affen etwa kann man die Art lernen, wie sie miteinander umgehen und kommunizieren. Das persönliche Gespräch mit dem anderen ist durch kein Smartphone ersetzbar, so smart es auch sein mag.  

Das klingt recht ernüchternd.
Tanzer: Ja, derzeit ist das auch so, wenn man die Warnungen der Klimaforscher ernst nimmt. Statt einem Zivilisationspalast, aus dem Reichtum und Wohlstand fließen, haben wir es heute mit einem Haus zu tun, in dem die Risse immer breiter werden. Statt im Palast leben wir in einer baufälligen Hütte. Hinterholz 8 statt Schönbrunn.

Wie schaffen wir den Turnaround?
Tanzer:  Wir müssen lernen, anders zu denken und unsere Art zu leben, Karriere zu machen und glücklich zu werden, in Frage stellen. Da kann jeder bei sich selbst anfangen. Etwa: Was ist für mich persönlich Glück und was brauche ich dafür? Das fängt klein an: Du setzt sich abends hin und fragst dich zum Beispiel: Erfüllt mich meine Arbeit? Würde ich sie auch ohne Gehalt machen wollen? Wie oft spreche ich pro Tag mit Menschen außerhalb der Arbeit? Ich habe diese Taktik des Selbstanstoßes von den Fledermäusen abgeschaut. Die lassen ein Mitglied ihres Schwarms, das sich unsozial verhält, einfach in Ruhe. Irgendwann kehrt diese Fledermaus dann zurück, so als hätte sie nachgedacht. Diese Chance sollten wir uns auch geben.

In der Beschäftigung mit dem Habitus von Tieren – was hat sie da am meisten überrascht?
Tanzer: Es waren die Entscheidungsstrukturen. Bei Bienenvölkern mit bis zu 300.000 Individuen oder einem Ameisenhaufen aus fünf Millionen Ameisen zeigt sich: Je mehr Individuen in dieser Struktur zusammenleben, desto flacher sind die Hierarchien. Bei uns sind Großkonzerne jedoch immer wie Pyramiden aufgebaut. Warum also könnte man diese flacheren Strukturen nicht ausprobieren, in Unternehmen und zum Beispiel auf Gemeindeebene? Und warum muss die Politik alle Neuerungen selbst anstoßen? Warum kann sie nicht alternative Wirtschaftsmodelle oder Entscheidungen in Gemeinden, die an sie herangetragen werden, unterstützen oder ermöglichen? Die Menschen sind nicht so dumm, wie sie annimmt.

Gibt es dafür auch natürliche Helden?
Tanzer: Ja, die Einzeller, die wir Pantoffeltiere nennen. Sie ändern in Krisensituationen ihren genetischen Code, um besser mit den Herausforderungen umgehen zu können. Wir hingegen erstarren vor Krisen wie das Kaninchen vor der Schlange, um dann panisch mit noch höherer Anstrengung das Gleiche zu tun, das uns in die Krise geführt hat. Zu viel Geld in den Märkten wurde 2008 mit Gelddrucken beantwortet. Das war aber keine Antwort – und ist es bis heute nicht. Wir machen es einfach, weil wir uns nicht trauen, eine Alternative anzugehen. Wir machen es uns zu einfach. Wir galoppieren weiter und weiter, ohne zu wissen, wohin.

Das klingt nach einem bedingungslosen Zurück zur Natur.
Tanzer: Sich an Tieren ein Beispiel zu nehmen, hat schon mehrfach gut funktioniert: Von den Wespen haben wir gelernt, wie man Papier herstellt, die Fledermaus war das Vorbild von Flugmaschinen, von der Klette haben wir den Klettverschluss abgekupfert, und Katzenpfoten sind unsere Autoreifen nachempfunden. Solche Inspirationen können auch für andere, noch komplexere Bereiche gut sein.

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben, wer sollte es lesen?
Tanzer: Es ist für Menschen geschrieben, die sich dafür interessieren, wie die Welt anders funktionieren könnte und die es wagen, auch andere Lebensformen als die menschliche faszinierend zu finden.

 

Tipp: Am Samstag, 9. November, 15.30 Uhr, stellt Oliver Tanzer sein Buch "Animal Spirits" auf der Buch Wien vor (Bühne 3, Messe Wien, Halle D; Trabrennstraße 7, 1020 Wien); Eintritt frei.  

 

Fotos (c): Hanna Ehmeir, Lukas Beck, Molden