Was steckt alles im Herbstprogramm der Buchverlage?

Für Lesestoff ist gesorgt: Die Styria Buchverlage haben ihr Herbstprogramm veröffentlicht. Geschäftsführerin Elisabeth Stein-Hölzl und Ulli Steinwender (Programm, Lektorat und Projektmanagement) schildern Hintergründe des Entstehens und geben Ausblicke.

VON MARGOT HOHL

Nach bzw. während der Corona-Zeiten: Wie bereitet man sich dort (in von außen gewohnter Manier) auf ein neues Programm vor?

ELISABETH STEIN-HÖLZL: Für unser Arbeiten am Programm hat sich nicht viel verändert, was mir aber wirklich sehr gefehlt hat, war der unmittelbare kreative Austausch mit meinen Kolleginnen und Autorinnen gemeinsam an einem Tisch.

ULLI STEINWENDER: Unser Geschäft ist es, flexibel zu sein – insofern ist alles gleichgeblieben, trotzdem war Corona aber schon eine steile Vorlage, was die Kommunikation betrifft. Plötzlich war alles virtuell, was vorher persönlich war. Das hat die bekannten Vor- und Nachteile.

Inwiefern hat Corona die Entstehung des Programms geprägt?

STEIN-HÖLZL: Prioritäten von Themen haben sich durch Corona verschoben. Einige geplante Reisebücher für den Alpe-Adria-Raum mussten wir schieben. Insgesamt wurde das Herbst 2020-Programm ein bisschen „schlanker“, weil wir ja auch nicht wussten, wie lange der Shutdown des stationären Buchhandels andauern würde und was im Herbst auf dem Markt los sein wird.

Und wie hat sich die Krise auf Komposition und die neuen Titel für Herbst ausgewirkt?

STEIN: Der größte Einschnitt war, dass wir den geplanten Buchtitel von Manuel Rubeys Buch last minute nochmal ändern mussten. „Rubey hört auf“ sollte das Buch heißen. Mitten im Corona-Shutdown war dieser Titel dann natürlich nicht mehr möglich.

STEINWENDER: Ja, wir alle waren schon dermaßen verliebt in diesen Titel, das war dann tatsächlich eine Herausforderung – aber es ist noch besser geworden, der neue Titel „Einmal noch schlafen, dann ist morgen“ hat so viel Poesie und auf Zukunft. Und birgt Überraschung! Aber auch mit unserer Europaexpertin Ulrike Guérot haben wir das Buchkonzept neu gedacht, Corona hat die Fragestellungen, was Europa betrifft, schlicht und ergreifend verändert, und darauf mussten wir vor allem im Sachbuchbereich ganz schnell reagieren.

Manuel Rubey, Christine Reiler, im aktuellen Programm Harry Gatterer: Wie kommen die Styria Buchverlage und die österreichischen Promis ins Geschäft?

STEIN-HÖLZL: Manuel Rubey habe ich, ganz altmodisch, einen Brief geschrieben, dabei hatte ich gar keine Ahnung, dass er auf so altmodische Tugenden wie handschriftliche Briefe oder Pünktlichkeit steht. Jedenfalls haben wir sehr schnell eine gemeinsame Sprache gefunden.

STEINWENDER: Wir beobachten genau, und wenn es Menschen gibt, prominent oder wissenschaftlich interessant, sprechen wir sie an, dann gibt es immer mehrere Treffen, um das Thema zu entwickeln – und im Optimalfall dann ein erfolgreiches Buch. Es gibt ein vorrangiges Credo: Unsere Autorinnen müssen etwas Relevantes zu sagen haben.

In welche Richtung blicken die einzelnen Verlagsmarken – wo geht die Reise hin und was erwartet die LeserInnen?

STEINWENDER: Unsere Sachbuchmarke Molden wird eindeutig weiblicher! Sowohl, was die Akquise von Autorinnen anbelangt als auch was die Themen betrifft. Mathilde Schwabeneders neues Buch über Frauen im Kampf gegen die Mafia ist ein Beispiel, aber auch das neue Buch in unserer Frauen-Biografienreihe zu Josephine Baker. Damit porträtieren wir den ersten afroamerikanischen Superstar. In Amerika hatte sie es extrem schwer, ihre Weltkarriere hat sie von Paris aus gemacht, wo ihre Hautfarbe weniger Hindernis, als vielmehr prickelndes exotisches Detail war. Wie schwierig es für sie war, sich als schwarze Künstlerin zu behaupten, erzählen wir in dieser ersten umfassenden Biografie. Und wie aktuell das ist, zeigen uns die Ereignisse in den USA und die „black lives matter“-Bewegung.

STEIN-HÖLZL: Den Kneipp-Verlag, unsere Gesundheitsbuchmarke, schauen wir uns in einem umfassenden Markenstrategie-Prozess gerade genauer an. Wenn man die Ideen des Pfarrers Kneipp nachliest, der übrigens 2021 seinen 200. Geburtstag feiert, wird klar, dass dieser Mann eigentlich ein Revoluzzer war, der Heilmethoden entwickelt hat, die heute wieder unglaublich modern sind: Sein ganzheitlicher Ansatz mit den „5 Säulen“ Wasser, Heilkräuter, Ernährung, Bewegung und Balance – er nannte das noch Lebensführung – ist niederschwellig. Jeder hat Zugang zu diesen Elementen, man braucht weder viel Geld noch die Strukturen eines Krankenhauses. Gerade in Zeiten von Corona ist es hilfreich, sich daran zu erinnern, dass man für die eigenen Gesundheit ganz viel selbst tun kann.

Und auch dass Kneipp vor 200 Jahren bereits die mentale Gesundheit genauso wichtig einschätzte wie alles andere, ist unglaublich modern.

Viele unserer Autorinnen sind Ärzte, Wissenschaftler, haben aber oft zahlreiche zusätzliche alternative Ausbildungen und Kenntnisse. Das Buch von Christine Reiler ist ein schönes Beispiel dafür: Sie ist ausgebildete Medizinerin, in dem Buch erzählt sie uns aber über Heilmittel, die aus dem Garten und aus der Küche kommen.

Styria ist unsere Marke, die die Kraft und Innovationslust, aber auch die Schönheit und den Genuss feiert, die in den Regionen Österreichs und seiner südlichen Nachbarn stecken.

Unsere Überzeugung ist, dass regional das Gegenteil von provinziell sein muss, und dass auch Reiseführer durch Storytelling überzeugen müssen.

Im kommenden Herbstprogramm ist für mich Gehen auf alten Wegen so ein Beispiel für die Neuausrichtung der Marke: Eigentlich ist es ein Wanderführer für NÖ, aber es ist zugleich ein Geschichts- und Geschichtenbuch, weil es sich auf die Spuren alter, zum Teil längst vergessener Handelswege, Pilgerwege, römischer Straßen usw. macht. Als Leserin kann ich diese Wege nicht nur nachgehen (es gibt, wie in jedem seriösen Wanderführer, Karten und Wegbeschreibungen usw.), ich kann auch die Geschichte des Weges nachempfinden.

Klar, Sie werden es wahrscheinlich nicht verraten, aber: Haben Sie ein Lieblingsbuch aus dem Herbstprogramm?

STEIN-HÖLZL: Für mich sind diesmal tatsächlich alle Titel echte Lieblingsbücher. Besonders am Herzen liegt mir persönlich das Buch mit Ulrike Guérot, weil ich mich wie sie als glühende Europäerin begreife und weil ich auf gar keinen Fall erleben möchte, dass die Idee eines gemeinsamen Europas den Bach runtergeht. Darum bin ich gespannt auf die zehn unerhörten Ideen für Europa, die Ulrike Guérot gemeinsam mit ihrem jungen Team des Berliner democracy lab entwickelt hat.

STEINWENDER: Ich könnte es gar nicht sagen … wenn ich mir unsere Molden Bücher in den Schaufenstern und auf den Büchertischen vorstelle, ganz ehrlich, ich würde alle vier kaufen. Ob das die exotische Josephine Baker ist, die mutigen Mafia-Frauen, das radikale Europa-Buch von Ulrike Guérot oder auch unser überzeugter Feminist Manuel Rubey, der überraschend ehrliche Einblicke in sein Leben gibt. Wir punkten diesen Herbst mehr denn je mit Glaubwürdigkeit und Brisanz.

Hat sich Ihr persönliches Leseverhalten durch Corona geändert?

STEIN-HÖLZL: Nein, mein persönliches Yoga-Verhalten hat sich verändert. Aber daran ist vielleicht auch Sandra König schuld, die ein sehr anregendes Buch über neue Morgenroutinen inklusive Yoga geschrieben hat.

STEINWENDER: Tatsächlich gehöre ich zu denen, die im eigenen Regal mehr gestöbert und fündig geworden sind. Das Leseverhalten an sich ist gleichgeblieben, aber das Nachdenken über die großen Themen durfte etwas genauer werden.

Welchen Buchtitel würden Sie gern einmal in Ihrem Programm lesen?

STEIN-HÖLZL: „Die Metamorphosen des Covid“ oder „Das geheime Leben der Topfpflanzen, von Josef Hader“ wären zwei Wunschbücher, antworte ich hier augenzwinkernd.

STEINWENDER: Ich träume von einem Buch, das visionär ist, inhaltlich anspruchsvoll, sprachlich geschliffen, das jede und jeder versteht, das thematisch die heißen Zeiten überdauert, das schön gemacht ist – und sich bitte millionenfach verkauft.