Wann setzt sich etwas durch, Herr Horx?

VON PHILIPP LACKNER

Zukunftsforscher Tristan Horx, Keynote-Speaker bei den diesjährigen Styria Management Days, über das Ringen zwischen Trend und Gegentrend, den Segen einer ständigen Krisensituation und die Überfrachtung des Informationszeitalters.


Sie sagen, Sie haben kein Netflix oder Amazon Prime – warum eigentlich?
TRISTAN HORX: Von den Verweigerern hört man nicht so viel. Es gibt ja auch wenige, die militant dagegen sind. Ich versuche damit auch darauf zu achten, dass ich beruflich objektiv bleibe. Es wäre auch blöd, jeden Hype mitzumachen, da kommt man gleich in diese Early-Adopter-Blase, in der viel an Reflexion mit dem technischen Umgang verloren geht. 

Das heißt, Sie steigen nicht gleich in einen Hype ein, sondern betrachten ihn von außen?
HORX: Ich sehe, was sich durchsetzt. Aus der Distanz hat man den Vorteil, sich auch schnell von Dingen wieder verabschieden zu können. Langeweile ist gut für die Charakterbildung, nur vermeiden wir sie. Das ist Teil der modernen Zivilisationskrankheiten.

Wann setzt sich etwas durch?
HORX: Ideen setzen sich dann durch, wenn sie ihren ganzen Gegendruck überlebt haben. Aber in der Regel setzen sie sich niemals so durch, wie sie am Anfang waren. Der Druck des Gegentrends zwingt den Trend immer, sich zu wandeln. 

Also ein Transformationsprozess.
HORX: Eben. Es ist wichtig, ihn zu akzeptieren. Man merkt das oft bei der Produktentwicklung. Das, was eine gute Führungskraft machen muss, ist, das zu erkennen und die Reibung als Produktivität zu nutzen. Plakativ gesagt: die Krise als Transformation. Wenn man das so sieht, ist alles ein zyklisches Modell, man ist ständig in einer Krise und das ist auch verdammt gut so. Ein Unternehmen, das nie Krisen hat, wird bei der ersten total ausrutschen. Das gilt es zu verstehen und zu akzeptieren, egal, in welchem System man sich befindet. Auch bei der Styria Media Group wird es aufgrund unterschiedlicher kultureller Zugänge Reibungen geben – aber die sind unheimlich wichtig und die muss man richtig kuratieren. Manchmal ist auch ein einstündiges, sinnloses Meeting ein total wichtiger Teil des Prozesses.

Stichwort: Individualisierung – wie weit kann ein Medium gehen? Ist das künftig das Schlagwort schlechthin?
HORX: Auch dagegen wird es einen Gegentrend geben mit einem Kollektivismus. Für Medien gilt: Es sagt sich ja immer sehr leicht, man müsse näher am Kunden sein und so weiter. Aber oft reicht es auch, wenn sich der Kunden einfach erst genommen fühlt. Nehmen wir den Bullshit-Filter. Viele Jugendliche erkennen das sofort, dass etwas Bullshit ist. Die Frage von Unternehmen ist dann: Wie kommt man um den Bullshit-Filter herum? Dann sage ich: Produziert einfach keinen Bullshit, dann ist das Problem vermieden. Das Ernstnehmen und das Verstehen eines Individuums reichen oft schon. Dann werden auch Fehler verziehen.

Da spielen auch die Themen Künstliche Intelligenz und Vertrauen eine Rolle, auch in den Medien. Stichwort: Roboterjournalismus. Inwieweit wird das von den Usern und Lesern akzeptiert werden? 
HORX: Ohne wird es nicht gehen. Industrialisierung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz. Alles ein Teil des Prozesses. Aber es ist wie bei jeder Entwicklung: Wenn Leute das zynisch gebrauchen, kann man es ruinieren. Grundsätzlich können sehr gute Prozesse im Tandem von Mensch und Maschine passieren. Aber wenn man weiß, dass gewisse soziale Netzwerke anhand von Verhaltensmustern Menschen hacken kann, dann wird das Wort Trust wieder sehr interessant. Noch etwas zum Stichwort AI: Übersetzer von den Spezialisten zu den Generalisten sind auch hier die entscheidenden. Ein Beispiel: Die Menschen, die programmieren, die wirklich an der Quelle sitzen, sagen: Nicht einmal in hundert Jahren wird es so etwas wie eine allumfassende künstliche Intelligenz geben. Die sind tiefenentspannt. Und dann gibt es diese Leute, die behaupten, dass in zehn Jahren alle Jobs weg sind. Deswegen braucht man Übersetzer in der Mitte.

Wie wird sich künstliche Intelligenz auf die Gesellschaft auswirken? Eher im Sinne von mehr Überwachung oder gar in die andere Richtung?
HORX: Wir sind eigentlich Beutetiere. Und sind im Grund darauf gedrillt, so viel Angst wie möglich zu haben und dort Gefahren zu sehen, wo eventuell auch keine ist. Und obwohl Statistiken beweisen, dass wir heute in sehr sicheren Zeiten leben, steigt unser Sicherheitsbedürfnis an. Das müssen wir in den Griff kriegen. Denn das führt zu einer Dissonanz zwischen der Realität und unserer Gefühlswelt. 

Zum Thema Social Credits – welche Rolle wird dieses Sozialkredit- oder Scoring-System künftig spielen? 
HORX: Wie so etwas in China betrieben wird, dass man bei wenigen Social Credits schlechter gestellt wird, ist natürlich katastrophal. Aber auch da merkt man, es könnte platzen, man braucht nur zu den Revolten nach Hong Kong zu sehen. Der Gegentrend kommt bestimmt. Man wird nicht darum herumkommen, dass sich die Werte des Menschen durchsetzen. Es gibt aber auch eine nicht zynische Einsetzung von Social Credits: Im Prozess der Automatisierung werden zwischenmenschlichere Berufe immer interessanter. Man könnte sagen: Wer sich sozial engagiert, etwa im Kindergarten, in der Pflege oder wo auch immer, bekommt dafür Social Credits. Den kann man dann einlösen oder auch nicht. Aber so könnte man das soziale Engagement quantifizieren. 

Kann es eine Symbiose aus Technologie und Natur geben? 
HORX: Ich hätte total gerne einen kleinen Chip in mir. Aber das geht in Österreich nicht. Dazu muss man sagen: Jede Technologie kann zynisch verwendet werden. Der Mensch bzw. die Natur und die Technologie, das sind zwei Evolutionen, die sich irgendwann einmal treffen werden. Die gesamten Probleme der heutigen Zeit kommen daher, dass wir mit einem Hirn und dem Gerüst eines Höhlenmenschen ausgestattet sind. Die Technologie birgt eben die Gefahr, dass die Komplexität so schnell ansteigt. 

Ist die Zeitung ein Gegentrend? Eine Entschleunigung?
HORX: Entfremdung und Überbeschleunigung sind in großen Städten omnipräsent. Die Zeitung zu lesen ist eine Kulturtechnik. Wenn jeder eine Stunde am Tag eine Qualitätszeitung lesen würde, müsste man nicht irgendwelche Meditations-Apps runterladen. Es hat tatsächlich etwas Schönes und Entschleunigendes.

Also bleibt das Informationsbedürfnis?
HORX: Die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen ändern sich verdammt langsam. Die Zukunft konstituiert sich immer aus Rekombination von Altem und läuft in nicht linearen Wegen vor sich hin. Es ist so ähnlich wie bei der Musik. Es sind ja auch schon alle Noten gespielt worden. 

Fotos: ballguide/Aufreiter