Vernetzte Medienwelt: Reduce complexity, increase connectivity.

„Unsere Unternehmen sind soziale Systeme. Sie produzieren nicht nur Produkte und Dienstleistungen, sondern auch sozialen Sinn“: Elisabeth Hödl (Styria Media Group, Holding) sprach beim Fifteen-seconds-Festival 2019 in Graz auf der Media Stage über die vernetzte Medienwelt. Ihre Key-Note im Wortlaut: 

 

Ich war schon letztes Jahr hier. Und es war Mittagszeit. Ich hatte einen Riesenhunger. Und stellte mich beim Burgerstand an. Wenn man da so steht und wartet, den Kopf voll inspirierender Ideen, versinkt man ein bisschen in  Gedanken. Und hinter mir in der Schlange ein Mann mit einer markanten Tätowierung am Unterarm. Es ist ein Symbol. Die Kreiszahl. Pi.

Ich erinnerte mich an meinen Mathematik-Unterricht. Pi ist eine mathematische Konstante, die als Verhältnis des Umfanges eines Kreises zu seinem Durchmesser definiert ist, höre ich meinen Professor aus dem Off längst vergangener Tage sagen. Und in diesen kreisenden Gedanken um den Kreis beginne ich ein Gespräch mit diesem Mann, der da hinter mir auf seinen Burger wartet.

„Wie viele Stellen von PI kannst du eigentlich auswendig?“ - „Zwei“, sagte er. Ich darauf: „Naja -, du weißt schon, für die Aufnahme in den Verein der Freunde der Zahl Pi muss man bis zur 100sten Stelle memorieren können. Also Minimum.“

3,
1415926535 8979323846 2643383279 5028841971 6939937510 5820974944 5923078164 0628620899 8628034825 3421170679 8214808651 3282306647 0938446095 5058223172 5359408128 4811174502 8410270193 8521105559 6446229489 5493038196 4428810975 6659334461 2847564823 3786783165 2712019091 4564856692 3460348610 4543266482 1339360726 0249141273 7245870066 0631558817 4881520920 9628292540 9171536436 7892590360 0113305305 4882046652 1384146951 9415116094 3305727036 5759591953 0921861173 8193261179 3105118548 0744623799 6274956735 1885752724 8912279381 8301194912 …

„Sicher. Brauch ich aber nicht. 3,14 reicht“. War ein Doktor der Physiker und zugleich Druide, glaube ich, zumindest einer, der eine ganze Menge über das Universum wusste.

We are Connectivity

Was mir aber klar wurde, bei diesem Gespräch am Burgerstand, war, dass wir HIER gemeinsam eine Community bilden, die an etwas Neues glaubt. An etwas Ganzheitliches. Wir haben verstanden, dass wir in einer hochgradig vernetzten Welt leben. Wir sind connected to each other. Connectivity. Vernetzung aber heißt so viel. Vernetzung bedeutet Computernetzwerk. Vernetzung bedeutet soziales Netzwerk, bedeutet technologisch vernetzter Kommunikation. Vernetzung bedeutet Globalisierung, bedeutet Dezentralität. In der Blockchain-Community lautet die Regel Nummer eins: Alles, was dezentralisierbar ist, wird dezentralisiert werden.

CONNECTED to each other

Oder nehmen wir Chris Dancy her: Er nennt sich „Most Connected Man in the World“. Als „Quantified Self“, ist er in dieser Form die ästhetisierte Selbstvermessung, die die Selbstanalyse zur Kunst erhoben hat, um zugleich zum Achtsamkeits-Cyborg zu werden. Wie ein Insektenauge mit tausend Facetten blicken wir auf die Welt als Netz. Etwas, das wir durch das Auge eines kaleidoskopischen Blicks in den Brennpunkt nehmen wollen und es doch nicht können. Jeden Tag sind wir connected to somebody. Connected to each other. Wir wollen Intimacy, wollen Relationship, want to be life hacker.

Connectivity ist Komplexität

Ich arbeite in der Holding der Styria Media Group. Die STYRIA ist ein Medienhaus, in dem unterschiedliche Marken unter einem Dach zusammengefasst sind. Ein Medienhaus ist heute nicht mehr vom Prinzip One-to-many geprägt wie früher, wann also der Rundfunk Nachrichten an die Menschen aussenden konnte. Sondern es ist ein vielschichtiges Gebilde, das unzählige Medien innerhalb des großen Netzes verbindet und damit auch unzählige Communitys adressiert, die in den dezentralen Netzen existieren. Many-to-many also.

Das zeigt sich auch an den einzelnen Marken der Styria Media Group: Printmedien, als Zeitungen, wie die "Kleine Zeitung" und "Die Presse" in Österreich oder "24sata" und "Večernji list" in Kroatien. Zeitungen sind aber immer auch Digitalmedien, worin sich Vernetzung auf einer anderen Ebene zeigt. Oder die "miss", die ein völlig anderes Zielpublikum hat, nämlich junge Frauen. In dieser Vernetzung der Gruppe finden sich Internetplattformen wie "ichkoche.at" oder "SPORTaktiv" und das "Ligaportal". Ein anderes Prinzip der Vernetzung sind sogenannte Joint-Ventures, also Unternehmenskooperationen, in denen ebenfalls Connectivity zum Ausdruck kommt. Bei der STYRIA mit den "Regionalmedien Austria" der Moser Holding, mit dem Online-Marktplatz "willhaben" mit Schibsted oder die erwähnte "miss" mit der Schweizer Agentur Digital Media House. Zugleich haben wir Radio mit den "Antennen" und vier Buchverlage oder den YouTube-Kanal "JoomBoos". Wir leben in der Wirkmacht der CONNECTIVITY. Besonders als Medienhaus.

Connect me. Connect you.

Connecting Bodies.

Connecting the World.

So fragen wir, was bedeutet es für die Welt? Eine Welt der Konnektivität, der Netzwerke, der Funktionsteilungen, der Blue Oceans, des Social Networking, der Smart Devices, des  Crowdsourcing mit ihren Digital Creatives, der wachsenden Bedeutung von Kollaboration, dem Internet of Things, Internet of Hearts, Selftracking, Fremdtracking, Ecosystems, Blockchain, Dataworld, Deep Learning, Artificial Intelligence. Die Märkte werden hochdynamisch und hochkomplex in dieser ständig steigenden Connectivity und Spezialisierung. Sie bringen unzählige Daten hervor.

Medien – Inhalte der Kommunikation entstehen durch Überschreibung, Verflechtung, durch das Nebeneinander und Übereinander. Beeinflusst wird der Wandel durch Vernetzung unserer Kommunikationsmodelle durch die Rolle des Computers, denn jetzt können wir unsere Gedächtnisse auslagern, Dinge extern speichern, können jederzeit vor und zurück. Bilder, Texte, Töne, Meinungen, überlagerte Zeiten, Gefühle, Programme, Manifeste, Patente, Erfindungen, Bilanzen, Rechtsnormen. Vor und zurück. Sprachen der Welt. Milieus. Räume. Zeiten. Vor und zurück. Digitale Palimpseste, die ständig überschrieben werden. Für die Medien ist hier das preisgekrönte Projekt „Snowfall“ der New York Times, ein Maßstab für die neue Art medialer Vermittlung von Informationen. Es handelt sich um die Berichterstattung eines Lawinenunglücks. Ein Bericht, der Bilder, Audiosegmente mit Interviews, dreidimensionalen Karten verband. Kollektive Konstruktion vernetzter Bilder. Videos von Drohnen. Befragungen Betroffener. Und zugleich sind wir befasst mit der Unberechenbarkeit von Fakten und Fiktionen. True News. Fake News. Trolle. Trollfabriken. Infowar. 

Netzwerk, Gewebe und Felder

Was wir hier sehen: Die Medienkultur erlebt eine Krise der Linearität. Begrifflich ist unsere Kultur von der Schrift geprägt. Und diese wurde abgelöst durch einen neustrukturierten Code, wie er uns in den bewegten Bildern und von der Oberfläche der digitalen, technischen Apparate begegnet. Dieser Wandel unserer kulturellen Codes, Denkstrukturen, und Welterklärungsmodelle ist unaufhaltsam. Organisationssoziologen sprechen vom agilen Führungsstil, der von Managern verlangt, dass sie ihre Pläne nicht linear nach Milestones abarbeiten, sondern in Visionen denken. Und in diesem fundamentalen Umbruch brauchen Unternehmen neue Netzwerkkompetenzen und ein ganzheitlich-systemisches Verständnis des digitalen Wandels.

Fishnet-Organisationen

Netzwerke bestehen nach einer sehr allgemeinen Definition aus Knoten, Superknoten und Fäden. Knoten sind die festen Elemente des Netzes, sie sind die Fixpunkte der Netze, und diese Knoten sind mit Fäden verbunden. In menschlichen Netzwerken sind die Knotenpunkte des Netzes die Menschen. Durch Kommunikation entsteht fortschreitende Gemeinsamkeit. Ich sehe die telematische Gesellschaft als Kommunikationsgewebe an. Denke also nicht allein in Knoten, Superknoten und Fäden, sondern betrachte die Felder dazwischen. Ich glaube, dass sie  zunehmend bedeutsam werden. Die GEWEBE. Die MEMBRAN. Die FELDER. Ineinandergreifend wie Gewebe also. Und da stehen wir, in dieser vernetzten hochkomplexen Welt und bespielen unsere Felder. Jeder von uns in seinen Feldern: Kunst, Medien, Telematik, Business, Sport, Mode, Lifestyle. Wie nur zurechtkommen, in dieser MEGA-CONNECTIVITY im GEWEBE DES GANZEN? Was bedeutet es eigentlich, Netzwerkkompetenz zu haben? Finde dein Feld! Aber wie?

Tag und Nacht

Eines Tages wurde ich aufs Land eingeladen. In die Südsteiermark. Da gab es eine Holzbank vor dem Haus. Und ich blickte über das Land. Den ganzen Tag lang. Einfach in der Sonne sitzend. Blickte auf das steirische Hügelland im Endlosblick. In die Weite des Landes. Und am Abend wurde ein Feuer gemacht, da stieg die Dämmerung herauf. Und ich saß immer noch da - blickte ins Feuer jetzt. Und in diesem Sitzen änderten sich die Gedanken mit dem Lauf des Tages.

Die Anthropologin Polly Wiessner von der University of Utah hat sich mit Feuerschein-Gesprächen einzelner Kulturen beschäftigt. Sie fand heraus, dass in den Traditionen dieser Geschichten, die Gespräche am Tag und in den Abendstunden einen ganz unterschiedlichen Charakter aufweisen.

Wenn alle am Lagerfeuer zusammen sitzen, werden Geschichten erzählt – wenn alle an Tischen in Verhandlungsräumen sitzen, auch. Und die Funken dieser Geschichten entzünden die Kultur. Die Kultur eines Unternehmens, die Kultur insgesamt. Corporate Storytelling. Am Tag sprechen wir über das Wirtschaften, über Ökonomie, über Zahlen, Analysen, Data, Rechtliches, über die Ereignisse des Alltags. Es geht um Kritik, Beschwerden, Konflikte. Es ist die Welt des logischen Denkens. Die hundert Stellen der Kreiszahl Pi. Die drei Cs nehmen Gestalt an. Critic, Complains, Conflicts.

In der Nacht aber entstehen die Mythen.

Da wechseln Themen und Tonart. Geschichten, die lustig sind und alles andere als langweilig. Die Menschen halten den Atem an vor Spannung, sie fürchten und freuen sich miteinander. Und im Rausch dieser Erzählung gelangen die gemeinsamen Gehirne auf eine gemeinsame emotionale Wellenlänge, die alle miteinander verbindet. Es ist eine Connectivity der anderen Art. Geschichten, die am nächtlichen Feuerschein erzählt werden, fördern gegenseitiges Vertrauen und Sympathie. Feuerscheingeschichten öffnen den Geist und weiten den Horizont für ein größeres Bild. Sie erlauben langsames Denken. Sie erlauben es, sich weiter in die Welt zu tasten. Es ist die Poesie der Dinge, die lyrische Dimension einer wilden Vision – eines Abenteuers – eines vorausschauenden Traums. Was ist die wildeste Version deines Selbst?  Was ist das größte Tier, das du erlegt hast?  Was ist dein erstes Musikalbum? Welcher Superheld bist du?

Geschichten unter dem Sternenhimmel stiften Nähe. Die Nachterzählung ist der poetische Blick in die Augen des anderen, der Blick in die Imaginationen und Träume. In der Dunkelheit steigen im Kino der Nacht Sagen, Legenden und Mythen hervor. Zauberer und Weise. Sehen wir Ratgeber, die über geheime Kräfte verfügen. Es ist das „Game of Thrones“ der eigenen Sinne. Hier entfaltet sich die Welt der Archetypen, der Dunkelzonen und der Verführung des Bewusstseins gleichermaßen. Die Zwischenwände können durchlässig werden und damit gehen das Schöpferische und das Spielerische Hand in Hand.

Der Schweizer Psychiater und der Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, spricht vom „symbolischen Denken“. Für ihn ist es die Grundlage des Daseins schlichthin. Chiffre für das Sakrale und das Erotische. 

Unsere Unternehmen sind soziale Systeme. Sie produzieren nicht nur Produkte und Dienstleistungen, sondern auch sozialen Sinn. Medienunternehmen produzieren nicht nur Zeitungen, Magazine, Apps. Unsere Unternehmen sind ganz besonders Orte von Gemeinschaften. Sie sind Wertegemeinschaften und sie produzieren sozialen Sinn.

Suche das Wesentliche!

Themenstellungen werden durch das Erschaffen von Stories vereinfacht und auf zentrale Elemente reduziert. Corporate Storytelling ist eine besondere Art der Selbstbeobachtung. Hier geht es darum, das Wesentliche zu erzählen. Und wie erkennen wir das Wesentliche? Wesentliche Informationen erzählen vom Wesen der Sache, um die es geht. Wer einen Witz erzählt, tut das mit eigenen Worten.

Und oftmals ist es in den Geschichten nicht die Information, an die wir uns erinnern, sondern wir erinnern uns an das, was der dänische Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor Tor Nørretranders in seinem Buch „Spüre die Welt“ als „Exformation“ bezeichnet hat. Und damit ist das gemeint, was man nicht wirklich sagt oder ausspricht, was man aber im Sinn hat, wenn, oder bevor man überhaupt etwas sagt. Und dafür muss man Muster erkennen und Komplexität reduzieren können.

Und so ist es folgender Dialog vielleicht – eine Frau datet einen Mann. Spät abends kommt sie heim. Ihre WG-Freundin schaut sie an. A: „Und?“ - B: „Yes!“ Und die beiden wissen im Sinne der Exformation, was gemeint ist. Storytelling ist ein Selektionsmechanismus und ein Maßstab für Relevanz. Ein Prozess der Aufmerksamkeitszuwendung sozusagen. Bietet Orientierung und bietet Auswahl.

Seit diesem Tag am Land weiß ich, dass ich alle meine Geschichten in zwei Varianten denken kann. Als Fakten und Fiktionen. Die Welt steht offen für alle, die es verstehen, ihre Geschichte in diesen zwei Varianten zu erzählen: In der Variante der Tageserzählung, mit den Hard Facts und in der Variante der nächtlichen Feuergeschichte, in der du brennst.

Wir leben in einer hochgradig vernetzten Welt. Das Prinzip der Vernetzung dominiert den Wandel. Lässt neue Kommunikationsstile, Verhaltensmuster und Atmosphären entstehen. Das gilt insbesondere für die Medienlandschaft. Um diesen fundamentalen Umbruch zu bewältigen, muss man im ganzheitlich-systemisches Verständnis die Essenz finden können.

Der griechische Lyriker Archilochos schrieb 700 vor Christus: "Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache." In der vernetzten Welt findet alles gleichzeitig statt. Und so müssen wir beides sein. Wir müssen Füchse sein, die viele Dinge wissen und zugleich Igel, die an ihre eigene große Sache glauben. Der Slogan in der Styria Media Group folgt dieser Sicht. Hier heißt es: One Spirit – unlimited ideas.

Der Trick: Die Essen finden, heißt, sie zu verkörpern!

Hier schließt sich der Kreis. Wir haben am Anfang von der Kreiszahl gehört. Pi. Es symbolisiert für mich die Wissenschaft. Das mathematische Denken. Das logische Denken. Wir bekommen in der zunehmenden Vernetzung immer mehr Informationen und Daten. Wir brauchen Kompetenzen, diese Daten zu verarbeiten und zu analysieren. Und wir wollen das Wesentliche finden. Die Essenz. Der Purpose. Das Why einer Sache. Also spüre die Welt. Und das kann zunächst der Mensch für sich selbst. Der Mensch. Er selbst bestimmt das gedankliche Gewebe im eigenen Feld mit.

Im Japanischen heißt Kreis Ensō (円相). Das Ensō symbolisiert Erleuchtung, Stärke und Eleganz, das Universum und die Leere. Das  Ensō ist Ausdruck des Moments. Das Ensō stellt einen Moment dar, in dem das Bewusstsein frei ist. Einen Moment, in dem Körper und Geist nicht in ihrem Schaffensprozess eingeschränkt werden.

Sehen wir Pi also als die Tagesgeschichte an, mit Zahlen, Daten, Fakten und in der Form des logischen Denkens, ist das Ensō vielleicht ein Symbol für die nächtliche Feuergeschichte, Ausdruck des freien Bewusstseins.

Und jetzt kommt der Trick: Er heißt „Empfangsbereitschaft“. Er gilt für jede Disziplin, für das Finden von Ideen, das Bogenschießen, im Sport, in der Kunst, im Gespräch und in der Liebe.

Es geht um die Kunst, auf Messers Schneide zu gehen. Zumindest 15 Sekunden lang. Es ist ein Zustand, in dem man selbst die Zwischenwand zwischen logischem und symbolischem Denken ist. Die Essen finden, heißt, sie zu verkörpern! In Ernsthaftigkeit und Spiel gleichermaßen.

„Wir sind vielleicht daran, uns an das vergessene Feiern zu erinnern. Wir sind vielleicht daran, auf dem seltsamen Umweg über die Telematik zum ,eigentlichen‘ Menschsein, das heißt zum feierlichen Dasein für den anderen, zum zwecklosen Spiel mit anderen für andere zurückzufinden.“ (Vilém Flusser). Das ist meines Erachtens die wahre Form der Connectivity. Mit sich und mit den anderen.

Lasst uns Physiker und Druiden sein! Analysiere und spüre die Welt!