fokus gstättner slider

Wohin wir kommen mit so viel Geschwätz

Schriftsteller, Satiriker und Styria-Kolumnist Egyd Gstättner: ein Gespräch über die Sprache.

 

In ihrem Buch „Karl Kraus lernt Dummdeutsch“ nehmen Sie sich die Sprache und ihre – wie Sie es sagen – „Pestbeulen“ zur Brust. Wie sind Sie denn zu diesen „Pestbeulen“ gekommen?

Egyd Gstättner: Ach, das ist wie im Alltag: Man geht außer Haus, stolpert und schaut, was da gerade im Weg liegt und warum einem jetzt der Fuß weh tut. Man klaubt Wörter auf und dreht sie zauberwürfelmäßig in der Hand. Der rote Faden ist die Mode- und Expertensprache unserer Tage, die sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt. Noch nie gab es so hübsche Worthülsen wie heute.

 

Das ist doch schlicht der gute alte Euphemismus, oder?

Gstättner: Ja, aber das ist inzwischen ein Hilfsausdruck! Allein die Überlegung zu hören: „Wie kommunizieren wir das?“ heißt ja nur: Wie lügen wir, ohne dass es jemand  merkt? Wie manipulieren wir die Gesellschaft? Das Buch ist ein Mosaik, das ich zu einem Welt- und Sittenbild, einem Sprachbild zusammengefügt habe. Es ist lustig, aber doch ernüchternd, erstaunlich und deprimierend. Es zeigt, wohin wir kommen mit so viel Geschwätz.

 

Welche Rolle spielen hier aus Ihrer Sicht die Medien?

Gstättner: Es wird hier im wahrsten Sinne des Wortes „vorgeschrieben“, wie etwas betrachtet werden muss. Es ist auch der Versuch, eine neue Welt zu erzeugen: Wenn ich etwas aus der Luft greife und kondensiere, erzeuge und benenne ich sozusagen etwas, das vorher – falls vorhanden – zumindest noch nicht benannt war. Medien arbeiten mit an der Entwicklung, am Neubau, an der Renovierung der Sprache. Die Sprache ist ja ihr Instrument, sie ist das, was primär und sichtbar verkauft wird. Grundsätzlich ist das Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn also die Sprache nur noch ausgelutscht ist, wie das etwa vor zwanzig Jahren in den Medien der Fall war, lässt die Aufmerksamkeit nach, dann kann man sich nämlich vorher schon alles ausrechnen, was drin steht – und man braucht nichts mehr zu kaufen.

 

Wie war die Situation vor zwanzig Jahren, als die Mediensprache „ausgelutscht“ war, wie Sie sagen?

Gstättner: Eine Phrase wird erst im Laufe der Zeit zu einer Phrase, so wie eine Handlung bei Wiederholung zum Ritual wird. Es war nie die Aufgabe von Journalisten, sprachlich kreativ zu sein. Die Frage war: Welche Phrase passt für welche Wirklichkeit? Und das am besten leicht verdaulich, damit der Leser die Information wie bei einem bedingten Reflex schluckt.

 

Und heute?

Gstättner: Heute übertreffen sich die Redaktionen in aufgesetzten Worthülsen, in Sprachbehauptungen, die der Kundschaft zugemutet werden. Kann sein, dass eine gesellschaftspolitische Absicht dahinter ist – das wird aber natürlich nicht so gesagt.

 

Was ist also der Wille dahinter?

Gstättner: Eine Phraseologie oder Terminologie repräsentiert einen Status quo, ein gesellschaftliches System. Je mehr man sich eines Bereichs bedient, desto mehr gilt das. Z. B. die „Schlachtenbummler“ im Sportjournalismus, „der Angriff“, „die Verteidigung“: Als ich jung war, wurde nie über Krieg und Militär direkt gesprochen – aber durch solche Begriffe hat man beides dennoch als gesellschaftspolitischen Faktor stabilisiert. Heute „kämpft“ man nicht mehr „bis zum Umfallen“, sondern die Spieler „investieren“. Da frag ich mich dann schon oft: Soll ich staunen oder kotzen? Man spielt „ökonomisch“ – und spiegelt damit den heute weltbeherrschenden Turbokapitalismus wider. Das ist kein Zufall, das ist gewollt. Weil damit ein Herrschaftssystem gestützt wird. Es heißt ja bei meinem Lieblingsphilosophen Gorgias von Leontinoi nicht umsonst: „Die Sprache ist eine mächtige Herrin.“ Sie ist es – noch dazu eine raffinierte. Natürlich läuft das in den Redaktionen unbewusst ab – die Zeitung wird aber von vielen gelesen, und so zieht das immer weitere Kreise. Zusätzlich wird auch die Anglisierung über die Medien transportiert. Wer sagt denn heute noch „Hauptabendprogramm“? „Prime time“ ist ja viel lockerer. All das sind Herrschaftsinstrumente.

 

Ein düsteres Bild. Wie geht’s jetzt weiter?

Gstättner: Mit der propagierten „Monomeinung“ bewegen wir uns auf ein strikt autoritäres System zu. Die Diskurskultur geht völlig verloren. Das Wort „hinterfragen“ kommt immer seltener vor. Beispiel: „Willkommenskultur“ – solch einen Terminus darf man nach seinem plötzlichen Auftauchen nicht hinterfragen, weil man sofort in ein bestimmtes Eck gestellt wird. Man hat wahrscheinlich schon gewusst, dass er infolge von Sinnlosigkeit wieder untergeht, er war aber so en vogue und dermaßen gut gemeint, dass jedes Widerwort quasi Hochverrat bedeuten musste. Das ist aber nichts anderes als Diktatur – die ist ja auch manchmal sogar gut gemeint -, und ihr Mittel ist hier ein sprachliches.  

 

Was bleibt uns zu tun?

Gstättner: Prinzipiell ist Sprache das Urgemeingut aller. Zu ihren Fachgruppen zählen der Journalismus, die Werbesprache und die Literatur. Diese hat an und für sich nix zu tun, aber über die Jahrhunderte an Relevanz und Verantwortung gewonnen. Literatur ist etwas ungemein Politisches, aber sehr Oppositionelles. Ist sie dies nicht, geht sie mit dem großen System, das sie unterstützt, unter. Sie hat keine reale Macht, verwendet aber das gleiche Handwerkszeug und das gleiche Material: die Sprache. Musiker drücken sich da natürlich anders aus, auch wenn sie oft das Gleiche sagen möchten – nur: Von einer dissonanten Oper fühlt sich keiner angegriffen. Die Literatur hat zufällig die Sprache als Handwerkszeug – kurzum: Das Brutalste überhaupt ist die Literatur.

 

In Ihrem Buch steht auch eine Kolumne zum „Pestbeulen“-Stichwort „Lesekompetenz“, in der Sie satirisch eine Studie zitieren, nach der sich ein Mensch mit mangelnder Lesekompetenz „in einer modernen Gesellschaft nicht mehr vollständig zurechtfindet“. Und Sie schreiben: „Lieber junger Analphabet, dir zum Trost: Das geht mir genauso.“ Lassen Sie sich Ihren Pessimismus wirklich nicht nehmen, wie Sie einmal gesagt haben?

Gstättner: Es verändert sich eben … aus meiner Sicht nicht zum Guten. Oder lassen Sie es mich so sagen: Es sieht mir alles nicht nach Haltbarkeit aus. Vielleicht findet es auch eine andere Form – heute gibt es ja auch schon den Begriff „Facebook-Schriftstellerin“, das geht alles in einem rasanten Tempo. Junge Studenten sind nach wie vor interessiert und hell, haben aber kaum je ein Buch ausgelesen. In Deutsch-Lesebüchern wird dies schon positioniert. Dort gibt es schnell vier Absätze aus Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, und danach Fragen zu jedem Absatz. In der Buchhandlung laufen aber keine Absätze herum.

 

Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Gstättner: Die Diskurskultur ist weg. Literarische Fehden und Skandale, das ist alles verschwunden. Im Grunde dient auch die Kultur in der Zeitung als PR, es ist eine Verkaufsshow. Und auch die Kulturseite ist gewissermaßen eine PR-Seite – eben für ein Nischenprodukt. Die Wertigkeit von Literatur wird ein paar Experten überlassen, in einem Wettrennen um Literaturpreise. Die sind inzwischen wichtiger als die Werke selbst. Das ist Null-eins-Logik, da muss nichts mehr gesagt werden, man ist damit „durchgewunken“.

 

Welche Rolle spielt hier Social Media?

Gstättner: Sie ist nicht die Wurzel allen Übels, aber eine Begleiterscheinung. Es ist einfach eine Ratscherei in neuem Format, in neuer Gestalt – jetzt ist es halt extrem steril geworden. Und alles, was leicht zu produzieren ist, führt zu Inflation. Jetzt kann man am Tag tausend Bilder machen und posten – man muss nur einen finden, der sich das auch anschaut.

 

Wie soll man sich da als Leser bzw. User zurechtfinden?

Gstättner: Man ist sozusagen in der deutschsprachigen Einheitspartei, man kann sich also nur bewusst werden, in welcher Maschinerie man sich eigentlich befindet. Was also tun? Das ist eine gute Frage. Und ein trauriger Befund. Es war aber zu allen Zeiten so – und etwas zu sehen und zu erkennen heißt noch nicht, dem auch entkommen zu können. Man kann eine präzise Diagnose haben und trotzdem unheilbar krank sein.

 

Die Diagnose hauen Sie aber knallhart auf den Tisch.

Gstättner: Ja. Aber es trägt nicht zu meinem persönlichen Glück bei.  

 

Wie könnte denn z. B. die Rolle der Literatur in Zukunft gestaltet sein?

Gstättner: Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht weniger, aber dafür bessere Bücher gemacht werden. Dass man in der Zeitung auch eine Buchgeschichte präsentieren könnte – und nicht das Inserat dazu.

 

Das wäre ja schon „Native Advertising“!

Gstättner: Ja. Vielleicht.

 

Interview: Margot Hohl