Lesen. Ein Essay von Felicitas von Lovenberg.

Als die Styria Buchverlage gegründet wurden, war damit ein selbstgewählter Auftrag verbunden, nämlich zur politischen und gesellschaftlichen Emanzipation der katholischen Bevölkerung beizutragen. Das heißt: Man setzte auf Leser, vor anderthalb Jahrhunderten ebenso wie heute. Doch was bedeutet Lesen eigentlich? Zum Jubiläum mag es sich lohnen, dieser bescheidenen Tätigkeit einmal nachzugehen.

Die Vorzüge des Lesens liegen scheinbar auf der Hand. Wer liest, ist nicht allein. Lesen bildet, unterhält und informiert. Es macht uns einfühlsamer, trägt zur seelischen Stabilität bei, vergrößert den Sprachschatz und fördert das kritische Denken. Es verankert uns in uns selbst wie in der Welt. Man kann es immer und überall tun, es ist für jedermann erschwinglich und für alle Lebensalter geeignet. Es hilft vielen beim Einschlafen und verbessert die Qualität des Schlafs ebenso wie die Wahrnehmungsfähigkeit im Wachzustand.

Dabei ist Lesen sehr viel mehr als ein anregender Zeitvertreib. Inzwischen haben wissenschaftliche Studien bewiesen, was eingefleischte Leser längst wussten, nämlich dass Lesen gesund ist: Es sorgt für inneres Gleichgewicht, lindert Ratlosigkeit, Angst und Frustration, spendet Trost und Sinn. Das kommt anderen ebenso zugute wie den Lesern selbst. Wie der Schriftsteller John Green es einmal ausdrückte: „Großartige Bücher helfen uns zu verstehen, und sie helfen uns, uns verstanden zu fühlen.“ Indem uns Bücher uns selbst vergessen lassen und uns zugleich in Berührung bringen mit anderen Lebensweisen, Eigenschaften, Gefühlen, Überzeugungen und Schicksalen als unseren eigenen, laden sie uns unwillkürlich zum Abgleich ein. Über den Kontakt mit anderen bringt sie uns so in Verbindung mit uns selbst. Lesen heißt teilnehmen, aber es ist eine innere Teilnahme. Darum bedeutet Lesen nicht einfach Rückzug und Einsamkeit, sondern es hilft uns, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, kurz: unser Leben zu gestalten.

Erfreulicherweise färbt die Langlebigkeit des Mediums auf den Leser ab. Eine Studie der Yale University hat 2016 gezeigt, dass Menschen, die mindestens dreieinhalb Stunden in der Woche mit dem Lesen von Büchern verbringen, im Durchschnitt zwei Jahre länger leben als Nichtleser. Schon wer nur eine halbe Stunde am Tag liest – Zeitungslektüre nicht eingerechnet –, hat einen signifikanten Überlebensvorsprung. Das Training von kognitiven Fähigkeiten beim Bücherlesen trägt ebenso zum längeren Leben bei wie die nachweislich stressreduzierende Wirkung eingehender Lektüre (verbunden mit dem Umstand, dass Lesen meist an ungefährlichen Orten stattfindet). Als Nebenwirkung wachsen Vokabular, Konzentrationsfähigkeit und kritisches Denken sowie emotionale Intelligenz. Bücher bewirken aber nicht nur, dass Leser länger leben, sondern sie sind auch gesünder und stabiler. Schon Aristoteles beschrieb die geradezu kneippsche Wirkung der griechischen Tragödie: Durch das Erleben von Mitleid und Furcht in der Handlung erfahre auch der Zuschauer Heilung.

Doch nicht nur Leser profitieren von den mannigfaltigen Nebenwirkungen der Literatur, sondern auch unsere Mitmenschen. Denn Leser – vor allem solche, die der Literatur zuneigen – sind überaus versiert im Zwischenmenschlichen und nachweislich freundlicher und einfühlsamer. Da Leser darin geübt sind, sich in andere hineinzuversetzen und die Welt von deren Warte aus zu betrachten, sind Vielleser besonders empathiefähig. Und da sie dank ihrer Lektüren außerdem über einen Wortschatz verfügen, der es ihnen ermöglicht, ihre Gefühle auch auszudrücken, sind sie in der Regel gute Gesprächspartner.

Ganz im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten sind es heute vor allem Frauen, die lesen. Insbesondere die schöne Literatur würde ohne Leserinnen wahrscheinlich aussterben. Längst haben wir entdeckt, dass Liebe, Freundschaft, Zweifel, der kleine und der große Kummer im wahren Leben oft weniger intensiv sind als im Roman – und dass sie sich durch den Umweg über die Kunst besser bewältigen lassen. „Wir würden nicht lieben, wenn wir nicht von der Liebe gelesen hätten“, schrieb der französische Moralist François de La Rochefoucauld und brachte so bereits im 17. Jahrhundert auf den Punkt, was uns bis heute im Netz der Bücher und Geschichten hält. Bücher bereichern uns um Erfahrungen, Gefühle und Erkenntnisse, die wir ohne sie nicht hätten – und statten uns damit auch mit Vergleichsmöglichkeiten aus. Wie viele Ehen sind geschlossen worden wie die von Emma und Charles Bovary, weil sich einer der beiden – meistens die Frau – in einer Romanze wähnte, die eines großen Romans würdig wäre, während der Mann den Sehnsüchten seiner Frau hilflos gegenüber stand? Und wem wäre das Ende der wunderbaren Anna Karenina nicht eine Lehre, was die Belastbarkeit einer verbotenen Liebe durch gesellschaftliche Konventionen angeht? Romane machen die Gefühle groß, mitunter überlebensgroß: Liebe und Angst, Sehnsucht und Verzweiflung. Durch Romane können wir uns aber auch in verschiedenen Rollen spiegeln, ohne sie realiter einnehmen zu müssen, und sind dadurch vielleicht mitunter gewarnt.

Bücher fördern in jedem Menschen das Bewusstsein seiner Einzigartigkeit und seiner Individualität und erinnern ihn so daran, dass es neben dem sozialen Lebewesen noch ein empfindsames Ich gibt. „Viele Dinge können geteilt werden“, schreibt Joseph Brodsky. „Ein Bett, ein Stück Brot, Überzeugungen, eine Geliebte, aber nicht ein Gedicht von‚ sagen wir, Rainer Maria Rilke. Ein Werk der Kunst, speziell der Literatur, und ganz besonders ein Gedicht springt den Leser frontal an, sozusagen tête-à-tête‚ und tritt ohne Mittelsmänner direkt mit ihm in Kontakt. “Diese Art des privaten, direkten Kontakts ist zwar keine Garantie, aber doch eine wirksame Verteidigung gegen jede Form von geistiger Versklavung. Eine weitere Nobelpreisträgerin, Doris Lessing, war der Überzeugung, dass Menschen, die Literatur lieben, zumindest in einem Teil ihres Geistes gegen Indoktrinierung immun seien. Ein Mensch mit geübtem ästhetischem Empfinden wird stets weniger anfällig sein für die primitiven Refrains und rhythmischen Beschwörungsformeln, die jeder Art von Demagogie eigen sind.

Doch nicht nur der Leser profitiert vom Buch, sondern ebenso benötigt das Buch die Mitwirkung des Lesers. Jede Lektüre beruht darauf, dass wir das, was aus Buchstaben und Zeichen Wörter formt, im Gehirn dechiffrieren und daraus etwas anderes machen, nämlich Sinn. Insofern ist es erst der Leser, der ein Buch vervollständigt, ja vollendet. Dies ist der Pakt, der das Lesen ausmacht.


Felicitas von Lovenberg, 1974 geboren, wuchs im Münsterland auf. Schulabschluss am United World College of the Atlantic, Studium in Bristol und Oxford. 1998 trat Lovenberg ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein; ab 2008 leitete sie dort das Literaturressort und moderierte im SWR-Fernsehen die Literatursendung „lesenswert“. Seit 2016 ist sie Verlegerin des Piper Verlags.

Hier geht es direkt zum Jubiläumsbuch "STYRIA. Medien. Menschen" (Styria Verlag, 2019).

Foto (c): Marija Kanizaj