„Jeder ist zugleich Vorbild und Sünder“

Vor dem Livestream am 10. Juni, 17 Uhr: Moderator Ernst Sittinger (Mitglied der Chefredaktion der Kleinen Zeitung) über die Klima- in der Coronakrise, seine Erwartungen an die beiden Gäste Leonore Gewessler und Helga Kromp-Kolb und seine persönliche Klimaschutzbilanz. Die Fragen stellte Margot Hohl.

 

Wie, denken Sie, hat Corona die Klima-Debatte beeinflusst? Bei den ersten Vorbereitungen zum Livestream am 10. Juni hatten wir alle Corona noch gar nicht auf dem Schirm. Inwiefern ändert sich nun der inhaltliche Fokus für Sie?
Ernst Sittinger: Die Coronakrise ist, wie alle Krisen, Krise und Chance. Zuerst wurde die Klimadebatte vollständig von den neuen Problemen überdeckt. Die massenhaft ausgegebenen Plastikvisiere und Plexiglas-Trennwände werden jedenfalls das Problem Plastikmüll nicht lösen. Im Zuge des „Wiederaufbaus“ entstehen andererseits neue Chancen für eine klimagerechte Ökonomie. Dass sie freilich genützt werden, darf man bezweifeln. Alle Erfahrung mit der conditio humana, also mit dem Menschsein, spricht dagegen.

Wie möchten Sie das Gespräch mit den beiden Expertinnen aufbauen – und welche Erkenntnisse erwarten Sie sich?
Sittinger: Wie in allen meinen Gesprächen gibt es keinen Aufbau. Ein angenehmes und spannendes Kamingespräch halt (nur ohne Kamin, weil es ja um Öko geht). Erwartungen: Erkenntnisgewinn und Entertainment. Ziel: mehr aus den beiden herauszukitzeln als man im Internet über sie googeln kann.

Wie sehen Sie persönlich die Klimadebatte – gibt es einen Ausweg, wo stehen wir in zehn Jahren?
Sittinger: Die Klimakrise ist aus meiner Sicht wie Zahnkaries: Sobald es weh tut, geht man zum Arzt und lässt einen Dreck durch den anderen ersetzen. Dann vergisst man schnell und macht weiter wie bisher. Dauerhaft lösen lässt sich das nur über Geld, also die energische Bepreisung von Umweltverbrauch mit extrem hohen Kosten. Teuer sein müsste aber wirklich alles: Flächenverbrauch, Ressourcen, Energie, Luft, Wasser bis hin zum Verbrauch von Stille (vulgo: Lärm). Der Effekt wäre aber, dass wir westlichen Wähler rasch draufkommen, dass wir uns zu ehrlichen Kosten (= „Nachhaltigkeit“) viel weniger Luxus leisten könnten als bisher. Deshalb verschiebt die Politik die Wende opportunistisch auf den St.-Nimmerleins-Tag.

Wo sind Sie selbst ein Vorbild in Sachen Klimaschutz, wo sind Sie noch ein bekennender „Sünder“?
Sittinger: Kluge Frage, denn jeder ist zugleich Vorbild und Sünder. Vorbild bin ich beim Radfahren und vor allem beim Reisen. Ich vermeide Flugreisen, habe Europa seit 1988 nicht mehr verlassen und bin trotzdem glücklich. Sünder bin ich z. B. dadurch, dass ich schändlicherweise einen Zweitwohnsitz in Tauplitz habe und dort auch noch mit Öl heize. Aber das wird mir unsere Umweltministerin ja zum Glück demnächst gesetzlich verbieten.

 

Foto (c): Jürgen Fuchs