„Innovation ist keine einmalige Sache“

Innovationsberater Christian Buchholz vom Düsseldorfer „verrocchio Institute for Innovation Competence“ über Veränderung, Ideen und den Mut zum Scheitern.

 

Wie muss man als Unternehmen das Thema Innovation heute sehen?

Christian Buchholz: Veränderung findet heute sehr schnell statt. Das ist durch den Wettbewerb bedingt, der heute sehr viel globaler und dadurch stärker ist als früher. Diese Konstellation bringt aber auch eine gewisse Chancengleichheit mit sich. Deswegen ist es logisch, den Anspruch an sich selbst zu stellen, die eigene Leistung stetig zu erweitern und Geschäftsmodelle zu hinterfragen.

 

Auch wenn es gut läuft?

Buchholz: Gerade dann sollte man sich die Zeit dafür nehmen, an Innovation zu arbeiten. Wenn die Krise naht ist es oft schon zu spät. Natürlich spielt der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle. Der Mensch fokussiert sich meist zu sehr auf das Alltagsgeschäft.

 

Sie meinen, man muss Innovation im Arbeitsleben strategisch verankern?

Buchholz: Richtig. Innovation ist keine einmalige Sache. Es braucht vor allem die Fähigkeit des ständigen Beobachtens. Die Fähigkeit, sich aus dem Alltag herauszuziehen und zu überlegen, ob man das, was man macht, nicht anders tun kann. In der Routine steckt meist das Problem.

 

Stichwort Fehlerkultur. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht?

Buchholz: Im Wesentlichen hat es mit der Art und Weise zu zu tun, wie ich Menschen beurteile, die Fehler machen oder mit ihren Ideen scheitern. Reagiert man mit Kritik  oder hebt sie sogar auf ein Podest weil sie sich etwas getraut haben?

 

Haben Sie ein Beispiel?

Buchholz: Ich erwähne gerne Amanda Zolten, der die US-amerikanische Werbeagentur Grey Advertising einmal einen Heroic Failure Award verliehen hat. Was war geschehen? Für einen Pitch um einen Kunden hatte sie dessen Produkt, Katzenstreu, mit den Exkrementen ihrer Katze unter dem Tisch des Meetingraumes platziert. Niemandem war das aufgefallen, niemand hat etwas gerochen. Als Zolten darauf hinwies, verließen die Kunden irritiert den Raum. Aber sie hatte etwas Besonderes ausprobiert. Und statt sie zu bestrafen wurde sie honoriert.

 

Aber ist das nicht riskant? Schließlich spielt man mit solchen Aktionen mit seinem Job.

Buchholz: Natürlich ist das riskant. Aber die Frage ist: Was passiert, wenn ich es eben nicht tue? Wenn man etwas ausprobiert, geht halt viel schief. Das muss man zulassen, bis zu einer gewissen Grenze.

 

Welche Zugänge gibt es zu Innovation?

Buchholz: Wir kennen zwei grundlegende Arten von Innovation. Zuerst einmal die inkrementelle Innovation. Dabei geht es darum, das, was schon besteht, zu verbessern. Das können wir Mitteleuropäer schon ganz gut. Da sind Prozesse vorhanden, wie man etwa das eigene Angebot ausbauen kann. Und dann spricht man noch von der disruptiven Innovation. Hier werden bestehende Geschäftsmodelle, Produkte oder Dienstleistungen teilweise vollständig durch Innovationen verdängt. Etablierte Unternehmen tun sich hier naturgemäß schwer.

 

Muss es immer das vorrangige Ziel sein, ein fixfertiges Produkt zu entwickeln, das Geld abwirft?

Buchholz: Nicht zwangsläufig. In den USA wird oft viel Venture Capital in Start Ups gesteckt, mit dem Ziel, das Produkt im ersten Schritt bestmöglich zu verbessern und möglichst viel Erfahrung und Know-how über den Markt zu sammeln. Bei uns wird häufig zu wenig Fokus darauf gelegt, was der Kunde wirklich möchte, der Fokus liegt bei neuen Projekten meist darauf, dass das Produkt möglichst schnell Geld verdient und sich rechnet.  

 

Wie schafft man das?

Buchholz: Indem man früh ins Prototyping geht. Mit kleinen, unfertigen aber bereits vorzeigbaren Produkten, um von Kunden Feedback zu erhalten. Im Silion Valley spricht man von einem ‚Minimum Viable Product‘ (MVP), also von einem minimal überlebensfähigen Produkt, das entwickelt wird, um mit minimalem Aufwand den Kundenbedarf zu decken und Feedback zu gewährleisten. Man kann nur viel über den Kunden herausfinden, wenn ich ihn möglichst früh einbindet und Resonanz bekomme. So kann ich schnell feststellen: Kommt es an? Wie muss ich es verändern, um es besser zu machen?

 

Tun sich klassische Medien schwer mit Innovation? Und wo liegen ihre Chancen?

Buchholz: Das Informationsmonopol ist nicht mehr da, das ist für viele Medienunternehmen sicher ein Problem und gleichzeitig eine große Herausforderung. Menschen können sich heute alle benötigten Informationen selber organisieren. Gleichzeitig erzeugt die Menge an verfügbaren Informationen für viele Menschen ein Gefühl der Überforderung. Hier sehe ich eine große Chance, wenn ein Medium Klarheit schafft und Inhalte strukturiert. Der User möchte heute aber nicht nur Abonnent sein, sondern Teil einer Community sein, wo man weiß: Ich kann mich auf gute Information verlassen, ich kann darauf vertrauen und kann mitgestalten oder mitdiskutieren. Medienhäuser werden sich dazu aber sicher mehr diversifizieren müssen.

 

Ihr finaler Ratschlag für Menschen mit Sinn für gute Ideen?

Buchholz: Loslassen, die Lust auf Neues wiederentdecken und mit aufmerksamer Freude in die Zukunft schauen.

 

Interview: Philipp Lackner