In der Forschungsstation der Kleinen Zeitung

Sebastian Krause leitet das Programm „Labor“ der STYRIA-Tageszeitung. Eine Einheit, die Prototypen als Produkte „auf die Straße bringt“, als Bindeglied zwischen Redaktion, Leser- und Werbemarkt sowie Marketing und Product & Data. Was man derzeit live ausprobiert, woher man die Schlagkraft nimmt und warum so die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit der Zukunft aussehen könnte, verrät Krause im Interview.

VON PHILIPP LACKNER

In kurzen Worten: Was hat es mit eurem Labor auf sich?

SEBASTIAN KRAUSE: Wir sind so etwas wie die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Kleinen Zeitung, die aus der Theorie und der geistigen Arbeit ein praktisches Bild formt und den nächsten Schritt erprobt.

Woher kommt diese Idee?

KRAUSE: Wir haben noch vor Corona eine Learning Journey nach Hamburg zum Spiegel gemacht. Der Verlag dort hat auch einen Reorganisationsprozess hinter sich und einen starken Fokus auf das Digitale gelegt. Eine Sache unter sehr vielen, die das Team uns dort gezeigt hat, ist deren Entwicklungsredaktion. Das ist in Wahrheit die Blaupause für das, was wir als Labor ins Leben gerufen haben.

Das Labor der Kleinen Zeitung – wozu ist es nun konkret da?

KRAUSE: Dass du interdisziplinär in sehr kleinen Teams mit einer sehr konkreten Aufgabenstellung arbeiten kannst. Das Labor ist die nächste logische Stufe, wenn ein Programm oder ein Stream beendet ist und man es auf die Straße bekommen will. Beispiel war gerade der Social Media Stream des Lesermarktes. Da gibt es ein Zielbild, alle Beteiligen wissen, wo sie hin wollen. Und dann sind wir am Zug.

Das heißt, im Labor landen Prototypen von Produkten, die ihr live ausprobiert?

KRAUSE: Ganz genau. Und: Das Labor ist nach der OKR-Methode aufgesetzt, Objektives and Key Results. Das haben wir auch beim Spiegel gesehen. Dabei hat man ein Ziel und klare Indikatoren, wie man dorthin kommt. Es gibt ein paar Finessen: Oft sind diese OKR-Ziele wahnsinnig hoch gesteckt, weil man sie eigentlich niemals erreichen sollte. Dadurch hat man offene Ambitionen, man denkt offener und freier und versucht, die großen Dinge auf die Reihe zu bekommen. Damit freunden wir uns auch gerade an. Jedenfalls hat sich das Labor als sehr praktikable Brücke zwischen Theorie und Praxis etabliert. Das Labor hat einen redaktionellen Fokus und ist deswegen bei mir angedockt, weil ich mich in der Redaktion um Strategie und Weiterentwicklung kümmere.

Weshalb trägt hier die Redaktion so eine entscheidende Rolle?

KRAUSE: Es gibt natürlich eine gesunde Trennlinie zwischen Werbemarkt, Lesermarkt und Redaktion. Aber es gilt, gemeinsam diesen großen Veränderungsprozess zu bewältigen. Das heißt zum Beispiel: Der Lesermarkt hat ein sehr großes Interesse, dass wir in Sachen Engagement besser werden. So wird aus einem loyalen User ein zahlender Kunde. Dafür braucht aber der Lesermarkt die Redaktion. Und dafür muss die Redaktion neue Produkte auf den Markt bringen oder Tools einsetzten, die Engagement auslösen. Sie werden also hier geboren und das unter Einbeziehung der anderen Abteilungen.

Wie sind die Labore personell aufgestellt?

KRAUSE: Die Labore haben Leads aus allen möglichen Abteilungen und sind immer interdisziplinär besetzt. Das heißt aber nicht, dass alle Abteilungen immer dabei sind, sondern eben jene, die es gerade braucht. Ein Labor ist ein extrem mächtiges Tool, um Fokussierung zu schaffen. Wir wollen nicht hundert Sachen zugleich machen und jedes nur wenige Zentimeter im Monat vorankommen lassen, sondern uns lieber auf wenige konzentrieren und damit richtig weiterkommen. Es laufen also nie mehr als drei oder vier Labore zugleich.

Stellt sich die Frage nach der Priorität.

KRAUSE: Das geht über das Management Board. Wir schlagen vor, bringen unsere Meinung ein. Das alles ist in Zyklen aufgebaut, in Sprints. Wir sind mit drei Laboren gestartet: Engagement, Loyalty und dem Thema Wohnen. Im zweiten Zyklus kommen nun weitere hinzu.

Welche Erfahrungen habt ihr bislang damit gesammelt, wie sieht das in der Praxis aus?

KRAUSE: So ein Zyklus beginnt sehr forschungslastig. Man sucht sich die OKRs mit dem Team, damit man sich gleich mit der Problemstellung auseinandersetzen kann. Dann fängt man mit Feldforschung an, schaut sich auch an, was die Mitbewerber machen. Manchmal stellen wir auch fest, dass wir gewisse Tools verwenden, die nicht den gewünschten Effekt erzielen. Das kann an der Anmutung liegen, wenn sie sich etwa anfühlen, dass sie nicht von uns wären. Da muss man sie besser integrieren. Ein Tool alleine ist nicht alles.

Was passiert in so einem Fall, wenn also etwas nicht nach Wunsch klappt?

KRAUSE: Flexibel sein, etwas neu designen, neu ausprobieren und es wieder auf die Straße schicken. Dabei hat man immer diese sehr wissenschaftliche Methodik des Messens. Das Datenteam ist extrem gefordert.

Welche neuen Tools bringt ihr denn auf die Straße?

KRAUSE: Was man sehr bald sehen wird, ist, dass neue Engagement-Tools hinzukommen und bestehende verbessert werden. Wir werden auch Social Media mehr als eigene Plattform zu verstehen bekommen – das Team Wohnen hat hier mit Pinterest viel vor. Das Team Loyalty hat schon sehr viel ausprobiert, was uns auch fix bleiben wird. Etwa ein neues Livestream-Format, das Familiensache-Gespräch. Angefangen haben wir übrigens Ende 2020, der erste Zyklus ist mit Anfang April abgeschlossen. Jetzt geht es darum, neue Labore dazuzuholen. Das Wohnen-Labor hört auf, Engagement läuft weiter.

Wer ist bei dir überhaupt im Labor-Team?

KRAUSE: Petra Plank im Loyalty-Team, Katharina Puntigam im Engagement-Team und Harald Reichmann im Wohnen-Team. Zwei weitere werden noch folgen. Aber darunter sind immer wieder Leute aus allen involvierten Abteilungen.

Was macht euch genau aus?

KRAUSE: Hands-on-Mentalität und starkes interdisziplinäres Arbeiten. Ein gemischtes Team mit dezidierten Ideen. Das Labor selbst ist genau wie andere ein Programm in der Strategie, das testet, ob das eine neue Art des Zusammenarbeiten ist. Ich muss nach dem ersten Sprint sagen: Ja!

Klingt nach vollster Überzeugung.

KRAUSE: Ja, weil wir sehr fokussiert und ergebnisorientiert arbeiten, weil wir eine Brückenbildung zu verschiedenen Abteilungen schaffen und auch zwischen Theorie und Praxis ermöglichen. So lassen sich gemeinsame strategische Ziele verinnerlichen.

Bild: Sebastian Krause kümmert sich als Mitglied der Kleine-Zeitung-Chefredaktion um Strategie und digitale Weiterentwicklung (c) KK