Ein Reporter und sein filmreifes Leben

VON PHILIPP LACKNER

Mit rüstigen 77 Jahren ist Ludwig „Luigi“ Heinrich nach wie vor auf der Welt unterwegs – und schreibt seine Interviews mit Stars aus Film und Showbiz. Der Kleinen Zeitung liefert er seit bald fünf Jahrzehnten seine Storys. Wie er zu dem wurde, was er heute ist und welche Anekdoten er auf Lager hat, erzählt er hier.

Er holt sie aus seinem Rucksack wie seinen größten Schatz. Behutsam zieht Ludwig „Luigi“ Heinrich sie aus Kuverts und legt sie auf den mächtigen Tisch im Raum Österreich des Styria Media Center Graz: Fotos aus seinem Leben, aus seiner langen, aufregenden Journalisten-Karriere. Bis alles verteilt ist auf der Tischplatte, dauert es eine Weile, denn es sind Dutzende Fotos und alles will richtig arrangiert sein. „Hier“, sagt der 77-jährige Wiener kurz und tippt schließlich auf eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus den frühen 70er Jahren. Darauf sieht man ihn, wie er Alfred Hitchcock ein Messer an die Gurgel hält. 

Er schockte den Meister des Suspense
Beim Interview mit dem Starregisseur hatte ihn Heinrich spontan gefragt, ob er nicht aus Jux die Schreckensgeste Janet Leighs in „Psycho“ nachahmen könne, die Gute starb ja in der legendären Duschmord-Szene den grausamen Filmtod. Der Meister des Thrillers spielte mit. Und seitdem zählt die Aufnahme mit dem honorigen Briten zu den liebsten Erinnerungen des Promi-Journalisten, Filmkritikers und Interviewpartner der Showbiz-Stars. Genauso wie Gespräche mit Tom Hanks, Michael Douglas, Tom Jones oder Romy Schneider

Erstaunliches Gedächtnis
Ein Treffen mit Luigi Heinrich ist also nicht nur eine Ehre, es ist ein Erlebnis. Denn zu jedem Foto erzählt er eine Anekdote – und davon hat er reichlich in seinem Repertoire. Er mag fülliger geworden sein, als damals in der goldenen Ära des Kinos, die Haare weiß, kurz und schütter, aber das Spitzbübische, seinen Charme, den man ihm an den Aufnahmen von vor Jahrzehnten ansieht, das alles hat er bewahrt, in der Mimik, in seinen Worten. Und über sein Gedächtnis kann man nur staunen: Zu jedem Foto hat eine Fülle von Namen parat und zu jedem Namen eine Geschichte, in der eine Pointe niemals fehlen darf.

Keine Tonaufnahmen, alles im Block
Seit 57 Jahren schreibt Ludwig „Luigi“ Heinrich über den Glanz der Filmwelt, über Hollywoodstars und europäische, aber auch über österreichische Entertainment-Größen. Nie hat er bei den Interviews ein Aufnahmegerät dabei, immer notiert er alles in seinem Notizbuch und überträgt es fein säuberlich in Manuskripte. So wie er schon damals gemacht hat, als er als 20-Jähriger beim „Express“ in Wien angefangen hat. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser, ich musste jeden Tag zwei Seiten layoutieren, Bilder organisieren und Geschichten schreiben“, erinnert er sich. Dort habe er gelernt, schnell zu arbeiten. „Die wichtigste Zeit meines Lebens“, sagt er.

47 Jahre für die Kleine Zeitung im Einsatz 
Als die SPÖ das Blatt gekauft hat, sei es damit bergab gegangen. Er seufzt. „Die haben gezeigt, wie man eine Zeitung schnell zugrunde richten kann.“ Aber der „Luigi“ machte weiter. Warum eigentlich Luigi? „Damals war Italien sehr angesagt, eine Bekannte meinte, ich sehe irgendwie aus wie ein Italiener und von da weg war ich eben der Luigi.“ Durch ein Engagement bei den Oberösterreichischen Nachrichten kam es zum Kontakt mit Fritz Csoklich, dem langjährigen Chefredakteur der Kleinen Zeitung, für die Heinrich nun seit 47 als freier Mitarbeiter schreibt. Beim Namen Csoklich hält er kurz inne. „Ein Mensch mit höchster charakterlicher Qualität, in einer Zeit, in der noch ein anderer Geist im Zeitungsgeschäft herrschte.“

Anekdoten über Anekdoten
Damals, als man sich mit Leuten wie Tom Jones noch relativ entspannt auf ein Interview in einem Londoner Club treffen konnte. Heinrich erinnert sich noch an das Interieur des Lokals: Es war in einem kräftigen Rot vertäfelt. Mittendrin saß der „Tiger“ und sprach über sein Leben vor dem als Star. „Viele hatten ja gemeint, er sei Bergmann in Wales gewesen, dem widersprach er: Er hat nur als Maurer gejobbt“, so Heinrich, der eine ähnliche Geschichte zu Harrison Ford schildert, mit dem er einmal eineinhalb Stunden plaudern durfte. „Der war vor der Filmkarriere nicht Maurer, sondern Tischler, und hat das Tonstudio von Sergio Mendes eingerichtet.“  Mit James Bond Sean Connery hat er sich über Fußball unterhalten („er konnte die Namen aller österreichischen Nationalspieler aufzählen“), mit Michael Douglas über dessen Alkoholproblem, mit Tom Hanks über sein schwieriges Leben als Scheidungskind. „Er erzählte mir, dass sein Vater sein Leben nie im Griff hatte und er zwei Jahre vor seinem größten Erfolg, Forrest Gump, gestorben sei.“ Er habe Hanks mehrmals getroffen, zuletzt in Florenz. „Einer der bescheidensten Stars, die ich kenne.“ 

Warum Placido Domingo einen Finger nicht mehr abbiegen kann
Überhaupt seien die Größten in den allermeisten Fällen einfach und normal geblieben. Wieder huscht ihm ein Grinsen durchs Gesicht: „Anstrengend und unerfreulich sind meistens nur die aus der Mittelklasse.“ Mit manchen Stars stand er zum Gaudium gemeinsam auf dem Fußballplatz, zum Beispiel mit Opernstar Placido Domingo. Gut erinnert er sich an ein Spiel im Salzburger Anif, bei dem der Tenor im Tor stand und Hans Krankl einen Elfer verwerten sollte: „Der Krankl hat das immer alles total ernst genommen und ziemlich fest geschossen – der Domingo wollte den Schuss abwehren, seither kann er einen seiner Finger nicht mehr richtig abbiegen.“ 

Peter Alexander, Oskar Werner, für den er einst auch die Pressearbeit machte, oder Chansonier Charles Aznavour – sie alle kannten ihn, und er sie nur allzu gut. Er lacht: „Über Udo Jürgens habe ich so oft berichtet, da haben die Leute gedacht, der würde mich bestechen.“ 

Der schönste Nebenverdienst
Heute, als „Pensionsbezieher“, wie er sich selbst ironisch nennt, tritt er zwar etwas kürzer, aber nicht wirklich viel. Berufliche Reisen nach Übersee nimmt er sich zwar nicht mehr so häufig vor, solche nach London aber schon. Eben erst hatte er dort die neue Mary-Poppins-Darstellerin Emily Blunt interviewt. Heinrich: „Es ist doch schön, wenn man neben dem, was von der SVA kommt, auf diese Weise etwas dazuverdienen kann, oder?“

Fotos: privat