Die FURCHE wird 75: „Ein Leuchtturm im Nebel einer verwirrten Zeit“

Die STYRIA-Wochenzeitung FURCHE feiert dieser Tage ihren 75. Geburtstag. Am 1. Dezember erscheint dazu eine große Jubiläumsnummer. Anlass für uns, das Medium mit einer kleinen Interviewserie zu beleuchten. Den Anfang macht Herausgeber Heinz Nußbaumer, der seit 2003 Herausgeber ist, gemeinsam mit Wilfried Stadler.

VON PHILIPP LACKNER

Wenn Sie in 75 Jahren FURCHE-Geschichte stöbern und lesen, ob Print oder Digital im Navigator, worauf stoßen Sie da?

HEINZ NUSSBAUMER: Ob Print oder Digital – der FURCHE-Leser stößt auf enorm viele kluge Texte. Immer unbehindert durch Parteischranken. Man findet Themen, die sonst nirgends zu finden sind. Niemals trennend und immer tiefer ackernd als gewöhnlich in den Medien, wir beackern ja eine Furche.

Es gibt wenige, die die FURCHE so gut kennen wie Sie. Wie würden sie die Entwicklung des Mediums mit allen Höhen und Tiefen in diesem Zeitraum beschreiben?

NUSSBAUMER: Ich merke schon, dass die FURCHE ein Teil unserer Zeitgeschichte ist. Nicht nur wegen der 75-jährigen Kontinuität, sondern vor allem wegen ihrer redaktionellen Inhalte. Das liegt an den sehr großen Namen aus Kunst und Kultur, aus Wissenschaft, Religion und Wirtschaft, die über all die Jahre ihren Geist hinterlassen haben. Darunter sind Persönlichkeiten gewesen, die später Päpste, Nobelpreisträger und Regierungschefs geworden sind, manche waren auch nur vergessene Genies. Nicht wenige von diesen Texten entfalten gerade jetzt, angesichts der Chance sie digital wieder zu lesen, einen neuen Glanz. Ich wüsste keinen besseren Nährboden als die FURCHE, wo diese Persönlichkeiten ihre Gedanken hätten säen können, aus Platzgründen und auch aus ideologischen Gründen.

 

„Man findet Themen, die sonst nirgends zu finden sind. Niemals trennend und immer tiefer ackernd als gewöhnlich in den Medien, wir beackern ja eine Furche.“

 

Wie lässt sich der journalistische Anspruch von damals mit den digitalen Notwendigkeiten von heute verbinden?

NUSSBAUMER: Persönlich glaube ich, dass es angesichts dieser Flut aus der digitalen Welt vielleicht eine wachsende Sehnsucht nach Orientierung, nach Relevanz und nach Glaubwürdigkeit gibt. Einer solchen Sehnsucht kann die FURCHE in einem höheren Ausmaß Rechnung tragen, als viele Mitbewerber. Unser Menschenbild lässt viel Platz und auch mehr redaktionellen Raum für bunte, kreative Blüten. Und manchmal denke ich mir beim Lesen: Da ist über die Jahrzehnte hinweg eine Sammlung kluger Stimmen des Wollens gelungen und nicht nur eine Beschreibung des konkreten Seins.

Was macht Qualitätsjournalismus aus?

NUSSBAUMER: An dieser Frage haben sich die tollsten Experten die Zähne ausgebissen. Leichter lässt es sich am konkreten Beispiel erklären und am langen Atem, dem sich ein Medium mit diesem Anspruch verschrieben hat über alle politische, finanziellen und anderen Verlockungen hinweg. Hugo Portisch hat der FURCHE einmal ins Stammbuch geschrieben, sie sei seit ihrer Gründung tolerant, weltoffen und sorgsam im Umgang mit Worten und Werten. Für mich kommt das der Erklärung von journalistischer Qualität ziemlich nahe.

 

„Das Wort ‚katholisch‘ hat für die FURCHE ja auch immer im eigentlichen Wortsinn gegolten: nämlich weltumfassend oder global, jedenfalls nie eng oder gar fanatisch.“

 

In Zeiten von Snapchat und Instagram: Mit welchen Themen kann die FURCHE auch bei jungen Lesern punkten?

NUSSBAUMER: Das ist die Frage aller Fragen. Nicht nur für uns, sondern für alle Medien. Wir von der FURCHE sind nur sicher, dass unser Versuch ein anderer ist, als der des Aufregers, des Spalters, der Banalität und Kurzatmigkeit. Bei uns sind die jungen Leute gut aufgehoben, die der heute so vielzitierten Blase entkommen wollen. Die, die wissen, dass ihre Zukunft und ihr Schicksal im Verstehen von Andersdenkenden liegt. Und die, die neben allem, was auf sie einströmt, auch nach Nahrung für Gehirn und Seele suchen.

Die FURCHE hat sich im Sinne des religiösen Diskurses gewandelt: vom katholischen zu einem ökumenischen, ja interkonfessionellem Ansatz. Was waren dafür die Hintergründe?

NUSSBAUMER: Es stimmt, dass unser Gründer Friedrich Funder in der Sprache von 1945 von einem „katholischen Blatt für Weltleute“ gesprochen hat. Wir haben aber dem Image von so etwas wie einer Kirchenzeitung, das uns manchmal umgehängt wird, nie entsprochen. Immer war die FURCHE ein Treffpunkt für Menschen, die über alle Konfessionen hinweg die berühmten drei Fragen des Kardinal König für sich für interessant empfunden haben: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und was ist der Sinn meines Lebens? Das Wort „katholisch“ hat für die FURCHE ja auch immer im eigentlichen Wortsinn gegolten: nämlich weltumfassend oder global, jedenfalls nie eng oder gar fanatisch.

Welche Attribute würden sie der FURCHE geben?

NUSSBAUMER: Ich würde sagen: Nachdenklich und geistvoll, diskussionsfreudig und tolerant, sozial engagiert, europäisch und ein Leuchtturm im Nebel einer verwirrten Zeit.