„Der Archivjob hat mein Hirn mit Wissen vollgeschaufelt“

Er ist „Presse“-Historiker und leitete viele Jahre das Archiv der Tageszeitung: Günther Haller schreibt mittlerweile in der Pension Zeitgeschichtliches, Texte für das Feuilleton – und drei Geschichte-Magazine im Jahr. zuletzt über Napoleon. Im Interview erzählt er von seiner Entwicklung vom Archivar zum Autor, von den tausenden Seiten als Vorbereitung für seine Projekte und mit welchen seiner Helden er auf einen Kaffee gehen würde.

VON PHILIPP LACKNER

Sie haben lange im Archiv der „Presse“ gearbeitet – wie kam es dazu, für sie zu schreiben?

GÜNTHER HALLER: Der Anfang war 1998, da feierte die „Presse“ ihren 150. Geburtstag und mein damaliger Chefredakteur Andreas Unterberger sagte: „Sie sind doch Historiker. Wollen’s nicht was über unsere Zeitung machen?“ Bis dahin hatte ich kaum geschrieben. Aber dann ging es los. Die Leute in der Redaktion haben sich in die Faust gebissen vor Ärger: Da verkriecht sich einer, der gut schreiben kann, 15 Jahre im Archiv und wird nicht entdeckt.

Ärgert es sie auch selbst, dass sie nicht schon früher als Autor entdeckt wurden?

HALLER: Nein, gar nicht. Der Archivjob hat mich enorm bereichert, mein Gehirn mit Wissen vollgeschaufelt, Tag für Tag. Vielleicht war es dann erst möglich, die Texte zu schreiben. Schließlich hat Theodor Fontane auch erst mit 61 seinen ersten wirklich guten Roman geschrieben.

Wie ergab sich das dann konkret mit der Magazin-Reihe?

HALLER: Ich las in meinem Sommerurlaub 2013 „1913“, den Bestseller von Florian Illies, der aus nichts als einer klug aufbereiteten Sammlung von Geschehnissen der Vorweltkriegszeit besteht. Meine Mail an Chefredakteur Nowak damals aus dem Urlaub: „Rainer, das können wir auch, möglicherweise sogar besser.“ Ich schlug ihm für unsere Sonntagszeitung eine Doppelseite „Geschichte“ vor und legte später das Konzept für eine historische Magazinreihe vor. Rainer war sofort dafür, er kannte die Vorliebe der Leserschaft für historische Themen.

Start war dann 2015, zum Jubiläum der Ringstraße.

HALLER: Ja, auch ein 150er. Wir hatten alle einen riesigen Bammel, es hätte auch ein finanzielles Desaster werden können. In Österreich hatte das überhaupt keine Tradition, dass eine Tageszeitung im Magazinsektor etwas publizierte. Doch man traute sich, Rainer Nowak und Herwig Langanger sagten: Es wird schon schiefgehen. Insgeheim fürchteten sie: Außerhalb von Hietzing und Döbling will das keiner lesen. Die Firma Wienerberger, am Bau der damaligen Ringstraße beteiligt, buchte ein paar Seiten. Das half. Es wurde wahnsinnig erfolgreich, ging in die 3. Auflage. Nie wieder ist es mir gelungen, diesen Erfolg bei den Verkaufszahlen zu wiederholen. Es war wohl der Reiz des Neuen. Und doch auch des Themas. Jetzt machen die anderen Verlage ebenfalls historische Magazine.

Und zuletzt, als 15. Magazin, Napoleon, zum 200. Todestag?

HALLER: Die Geschichte Napoleons ist unglaublich, und unglaublich komplex, obwohl sein Leben eigentlich nur kurz war. Doch die Facetten sind so vielfältig: Da geht einer als Feldherr über Leichen, sagt „eine Million Tote interessieren mich nicht“, und wird dennoch von den einfachen Soldaten verehrt wie ein Gott. Da verrät einer die Ideale der Französischen Revolution und die Republikaner folgen ihm. Da schreibt einer großartige Liebesbriefe an seine Ehefrauen und hat in jedem besetzten Land eine Geliebte. Da scheitert einer grandios mit seinen größenwahnsinnigen Plänen und wird dennoch zum Mythos, bis heute.

Aber das Thema ist doch unüberschaubar groß?

HALLER: Ja, man könnte sich fragen: Geht das überhaupt, das darzustellen, auf 106 Seiten, ohne grobe Vereinfachungen in Kauf zu nehmen? Ja, ich gebe zu, ich musste reduzieren, aber das Wichtige ist da. Vor allem aber, und darauf lege ich Wert: Es soll locker und anschaulich, auch witzig und elegant geschrieben sein, so dass man 100 Seiten liest, der Abend ist vergangen und man hat es gar nicht gemerkt. Darauf lege ich Wert: Unsere Zeit ist zu kostbar, als dass Langeweile erlaubt wäre.

Wie reagieren die Leser auf die Magazine?

HALLER: Die Leser schreiben mir oft: Sie hätten nicht erwartet, dass es bei einem so ernsten Thema auch etwas zum Schmunzeln gäbe. Sie sind dann auf eine Formulierung gestoßen, die ihnen Spaß gemacht hat. Das freut mich dann auch. Nur die Humorlosen schreiben mir: Sehr geehrter Herr, so kann man mit Kaiser Franz Joseph nicht umgehen! Soll sein. Und wenn eine Oma sagt, sie wird das jetzt ihren Enkeln kaufen, die gehen ins Gymnasium und wissen viel zu wenig über Geschichte, freut mich das.  Es gibt auch Kritik: „Aber da, auf Seite 86, Herr Haller, habe ich ein falsches Datum gefunden. Sonst okay.“ Kommt vor. Sorry und danke fürs genaue Lesen!

Wie bereiten Sie sich vor auf so ein Magazin?

HALLER: Wie immer lese ich, bevor ich zu schreiben beginne, tausende Seiten zu meinem Thema, von Autoren, die grundverschieden an das Thema herangehen. Am besten ist es im Fall Napoleons, wenn sie aus verschiedenen Nationen kommen. Dann merkt man die Unterschiede. Ein russischer Historiker sieht Napoleon ganz anders als ein französischer. 

Tausende Seiten lesen als Vorbereitung: Wie schafft man das? Wo beginnt man, wo hört man auf? Wo ist das nur noch mit ganz viel Hingabe und Leidenschaft zur Materie zu meistern?

HALLER: Ich habe einen Stammplatz im Lesesaal der Nationalbibliothek und beginne mit den wirklich wichtigen Standardwerken zu einem Thema, die man sich angeeignet haben muss. Ich habe auch eine riesige historische Privatbibliothek. So konnte ich auch im Lockdown, als die öffentlichen Bibliotheken geschlossen waren, schreiben. Im Internet findet man dann durch Verlinkungen zu Spezialaspekten, an die man anfangs gar nicht gedacht hat.  Das Aufhören ist dann bei der Lektüre am schwierigsten. Irgendwann muss es sein: Sonst schafft man den Abgabetermin nicht. Hingabe und Leidenschaft stellen sich bei mir mit dem Fortgang der Arbeit ein. Ich erzähle meiner Frau beim Abendessen, was ich geschrieben habe: An ihrem Aufmerksamkeitspegel merke ich, ob etwas spannend ist oder nicht.

Welches der bislang 15 Magazine erforderte eigentlich am meisten Recherche- und Schreibaufwand?

HALLER: Es war kein Unterschied. Ich habe es mir insofern leicht gemacht, als ich nie ein Thema aufgegriffen habe, zu dem ich keine Beziehung hatte, das wäre denn doch anstrengend geworden. Also: Kultur schlägt Technik! Politik schlägt Fußball! Beim einzigen Sport-Geschichte-Magazin aus der Reihe habe ich die Verantwortung abgegeben.

Sie haben ja auch ein Buch über Marx und Wien geschrieben im Molden-Verlag. Wie hat sich das für Sie angefühlt, so eine Publikation abseits des Zeitungslebens zu verfassen?

HALLER: Auch das Buch hatte zu tun mit meiner „Presse“-Zugehörigkeit. Marx war ja einmal Korrespondent unserer Zeitung, glaubt man angesichts der durchgehend bürgerlichen Haltung des Blatts gar nicht. Wenn das als Ausgangspunkt nicht interessant ist, dann weiß ich nicht. Übrigens ist im Textumfang ein Buch gar nicht umfangreicher als ein Magazin, die Arbeit war also gar nicht so viel anders.

Nun stehen bei Ihnen häufig berühmte Persönlichkeiten im Rampenlicht: Maximilian I., Maria Theresia, Kaiser Franz Joseph I, Napoleon oder eben Karl Marx. Klassische Frage an einen Historiker: Mit welchem ihrer Protagonisten würden Sie am liebsten auf einen Kaffee gehen? Mit wem eher nicht?

HALLER: Immer mit dem, an dem ich gerade arbeite. Bei einem Autokraten wie Napoleon würde ich mich vielleicht unwohl fühlen. Freilich: Diktatorisch waren so gut wie alle, über die ich geschrieben habe, auch Marx, der halt im Denken. Wenn ich mich mit einem meiner Helden treffen würde, dann als sie noch jung waren, noch nicht auf dem Olymp, sondern noch unsicher, was aus ihnen werden könnte. Die junge Maria Theresia war sicherlich sympathischer als die alte. Und Karl Marx würde ich auf Stalins Gulag ansprechen.

Zurück zu den Magazinen: Wer oder was folgt auf „Napoleon“?

HALLER: Auch bei Geschichte-Themen ist es sinnvoll, auf Zeitströmungen zu hören. Welches Thema wird kommen? Wählt man ein Thema, das auf keinem Büchertisch der Saison in den Buchhandlungen vertreten ist, hat man es schon schwerer. Buchhändler sind Gewohnheitsmenschen, die machen gerne Thementische. Da ist es gut, wenn mein Napoleon dann neben ein paar anderen Autoren liegt. Zuletzt war das USA-Magazin sehr beliebt bei den Lesern. Sollten wir solche Länderporträts öfter machen? Mal sehen. 
 

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