„Bin jeden Tag mit Freude hier hereingekommen“

Wie die Chefredakteurin der Kleinen Zeitung Kärnten ihren Abschied im Corona-Jahr erlebt, welche Karriereschritte sie gerne gemacht hätte, warum sie die Morgenpost nicht vermissen wird, wie sie ihren Nachfolger Wolfgang Fercher beschreibt und warum ihr im Jänner nicht fad wird: Antonia Gössinger im Interview.

VON MARGOT HOHL

Wie geht es Ihnen?
Antonia Gössinger: Ganz gut, aber noch etwas außer Atem, ich bin gerade erst in die Redaktion gekommen. Ich habe mein Notebook zu Hause gehabt und heute von dort aus die Morgenpost geschrieben. Da sind wir ein Radl an Kollegen. Dass dort mit meinem Weggang vorerst keine Frau mehr vertreten sein wird, ist schmerzlich und zeigt, wie männerdominiert wir immer noch sind. Das ist ein riesengroßes Manko, überall, wo man hinschaut.

Sie gelten aber anderen Frauen in dieser Hinsicht als Vorbild.
Gössinger: Ja, und ich habe auch in den vergangenen sechs Jahren viele Frauen in höhere Positionen gebracht. Unsere Regionalredaktionen in Kärnten haben bis auf eine Ausnahme weibliche Leiterinnen. Ich bin grundsätzlich eine Verfechterin der Quote, weil sich gezeigt hat, dass auf freiwilliger Basis in dieser Hinsicht in einem Unternehmen nichts geht. Das sollte eine Selbstverpflichtung auch von privaten Unternehmen sein. Man sieht ja – zum Beispiel in Skandinavien oder Neuseeland – dass sich das bewährt. Das ist so schmerzlich für mich: Ich trete nach 44 Arbeitsjahren in den Ruhestand, und als ich gekommen bin war es kaum anders als heute. Diese gläserne Decke gibt es immer noch.

Aber Sie sind selbst ein gutes Beispiel, wie man es als Frau ganz nach oben schafft.
Gössinger: Ja, und grundsätzlich muss man das vielleicht ein wenig relativieren: Die Medien sind schon gut weiblich geprägt. Anneliese Rohrer zum Beispiel, oder auch Helga Rabl-Stadler im Kurier – es hat immer wichtige Politik-Redakteurinnen in Österreich gegeben. Und mich allein hat es ja auch in unserer Politikredaktion nicht gegeben. Andrea Bergmann und ich waren da ein gutes Tandem, und wir hatten auch den Rückhalt vom Chefredakteur bis hin zum Vorstand. Nur so konnten wir dem Jörg Haider über Jahre dermaßen lästig sein, dass er uns sogar einmal als Hexenküche Kärntens bezeichnet hat. In unserer Redaktion sind wir heute nahezu bei 50/50, was die Geschlechterverteilung betrifft – allerdings nicht auf der Führungsebene.

Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Gössinger: Frauen sind zu zurückhaltend! Ich sag auch immer: bitte aufzeigen, vordrängen – in der Recherchearbeit und auch bei Karrierefragen. Im Journalismus ist Teilzeit schon ein Hemmnis, aber auch eine Frage der Organisation und des guten Willens. Die Frauen müssen selber mutiger, rebellischer werden. Sie sind heute viel zu wenig aufmüpfig. Ich bin heute 62 und schaue mir Kollegen an: Mitunter hab ich da mehr Feuer als die Jungen. Oder es spielt bei ihnen auch einfach die Work-Life-Balance eine größere Rolle. Wir haben dem Job damals alles untergeordnet. Denn Journalistin ist man 24 Stunden am Tag, da gibt es für mich keine Alternative.

Würden Sie heute etwas anders machen?
Gössinger: Nein, überhaupt nicht. Aber ich wäre schon gern beruflich aus Kärnten hinausgekommen. Ich habe mich auch für mehrere vakante Positionen beworben – etwas als Korrespondentin in Bonn, in Brüssel, als Leiterin der Wiener Redaktion nach Vorhofer, Stocker, Winkler. Nur das Angebot einer Wiener Zeitung als Innenpolitikredakteurin hab ich abgelehnt. Es war eine Abwägung, weil ich in Kärnten schon eine Marke und etabliert war: Hier die Nummer eins oder die Nummer 9 in einer Wiener Innenpolitikredaktion. Es ist für mich aber schmerzlich, dass es nie möglich war, im eigenen Unternehmen solche Schritte zu machen. Ende der 1980er-Jahre wollte mich Erwin Zankel nach Graz holen. Aber Heinz Stritzl hätte mich damals nicht gehen lassen. (schmunzelt)

Sie haben in unserem Gespräch vor rund zwei Jahren gesagt, dass Sie einmal ein gutes Team hinterlassen möchten, wenn Sie gehen. Ist Ihnen das gelungen?
Gössinger: Also, wenn dafür Sterne zu vergeben wären, dann hätten Adi Winkler und ich hier bestimmt die Höchstzahl erreicht. Es war uns beiden ein großes Anliegen, weil wir uns nichts mehr beweisen mussten. Wir übergeben jetzt ein tolles Team. Und ich bin wirklich stolz auf unsere Kolleginnen und Kollegen. Viele von ihnen kommen für Führungspositionen in Frage. Es war mir auch wichtig, dass es für mich eine Nachfolge aus Kärnten gibt, das hätte sonst niemand verstanden. Ich bin aber nicht betrübt, dass es ein Mann ist – es geht jetzt der gewünschte Generationenwechsel vor sich, und bis Ende 2023 gehen hier insgesamt 12 Leute von Bord. Die Transformation werden die Jungen weiter gestalten. Wolfgang Fercher ist wirklich hervorragend: Jung, aber sehr erfahren, er hat eine Breite und journalistische Kompetenz, versteht Menschenführung und ist unangreifbar. All diese Voraussetzungen muss man erst einmal erfüllen. Jetzt machen wir gerade gemeinsam eine Übergabe-Tour, morgen sind wir z. B. beim Bischof.

Was wird Ihnen nach Ihrem Abschied von der Kleinen Zeitung nicht fehlen?
Gössinger: Das Einzige: das frühe Aufstehen für die Morgenpost! Ich arbeite seit 41 Jahren in diesem Haus -zu Beginn noch drei Jahre für die Kärntner Volkszeitung, danach und bis heute für die Kleine Zeitung. Und ich bin jeden Tag mit Freude hier hereingekommen. Das Chefredakteurinnen-Dasein hat sich natürlich massiv unterschieden vom Politikredakteurinnen-Dasein: Personal, Organisation, Repräsentation, das war ein neues Terrain. Auch das Tauziehen ums Budget.

Der Abschied an sich wird coronabedingt ja sicher anders ablaufen als es grundsätzlich geplant gewesen wäre.
Gössinger: Ja, das Corona-Jahr hat mich schon sehr getroffen. Unterwegs sein, Leute sehen, direkt kommunizieren – das ist ja das Wesen des Journalismus. Diese veränderten Bedingungen erleichtern mir auch jetzt den Abschied ein wenig – so gut Distance Working und Teams-Sitzungen auch funktionieren, es ist etwas anderes und nicht vergleichbar. Ich hoffe auf ein Sommerfest, wenn Corona soweit vorbei ist.

Was haben Sie denn im Jänner vor?
Gössinger: Andreas Khol hat mich eingeladen, einen Beitrag für das Österreichische Jahrbuch für Politik zu schreiben. Den muss ich am 10. Jänner abliefern. Und ich bin auch hier in der Kleinen Zeitung eingeladen, weiter mitzuarbeiten. Ende Februar stehen die Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen in Kärnten an, da werde ich noch intensiv dabei sein. Der Pensionsschock sollte also zu Beginn nicht so groß sein – aber irgendwann wird er schon kommen. Und dann leben bei mir zu Hause am elterlichen Bauernhof ja vier Generationen unter einem Dach. Mein Neffe und seine Frau bekommen bald ein Baby, meine Nichte wünscht sich einen Hund, auf den ich dann aufpassen soll – da wird mir sicher auch nicht fad.